Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Engel in Amerika

Foto: Krafft Angerer

Von Anna Maria Jarmula

„In unserer Kirche glauben wir nicht an Homosexuelle.“ – „In unserer Kirche glauben wir nicht an Mormonen.“

Ein Gesprächsfetzen, der die Stimmung in den USA Mitte der 80er Jahre gut beschreibt. Aids grassiert, Homosexuelle werden stigmatisiert und alle halten sich an dem fest, was sie als das einzig Richtige betrachten: Ihrer Religion, ihrer Machtposition, ihrer politischen Gesinnung, ihren Halluzinationen. Kurzum: Eine gespaltene Gesellschaft, ein Mosaik aus Menschen, das langsam aber sicher endgültig zerbröselt.

Das Stück besteht, wie ein Episodenfilm, aus mehreren Handlungssträngen, zwischen denen in Bastian Krafts Inszenierung szenenweise hin- und hergesprungen wird. Vor allem zu Beginn des Stückes sind daher alle Darsteller anwesend und verlassen die Bühne nicht. Untermalt wird der episodische Aspekt der Inszenierung zusätzlich von Peter Baurs Bühnenbild, das aus Leinwänden und einem großen, drehbaren Spiegel besteht.

Dieser überdimensionale Spiegel macht einerseits die live aufgezeichneten Großaufnahmen der Darsteller sichtbar, die auf mehrere Leinwände innerhalb des Bühnenraums projiziert werden (was mir zwischendurch das Gefühl vermittelte, im Kino zu sitzen und einen Film aus den 80er Jahren anzuschauen). Andererseits erlaubt er es den Zuschauern, das Geschehen auf der Bühne aus der Vogelperspektive zu betrachten. Während sich z.B. der mit einer Frau verheiratete, aber eigentlich homosexuelle Mormone Joe mit seinem Kollegen Louis trifft, der seinen Freund Prior wiederum aufgrund von dessen schwerer Aids-Erkrankung verlassen hat, findet dieses Treffen vorne auf der Bühne statt. Direkt dahinter liegt jedoch Prior unter einer Bettdecke im Krankenhaus und windet sich vor Schmerzen, was aber nur Dank des Hängespiegels über den Köpfen der Darsteller sichtbar ist. Und in einer anderen Szene sieht man beispielsweise dann auch tatsächlich einen winkenden Eskimo, den Joes tablettensüchtige und halluzinierende Frau mitten im Zuschauerraum zu erblicken scheint – der Spiegel macht’s möglich.

Die Idee, die Inszenierung mithilfe von Videoprojektionen und eines Spiegels sozusagen um zwei weitere Dimensionen zu erweitern, hat mir sehr gut gefallen, denn dadurch beschränkte sich das Geschehen nicht nur auf die tatsächliche Bühne, sondern dehnte sich auf den gesamten Großen Saal aus und erlaubte es – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Überblick über die doch recht komplexe Handlung, Figurenkonstellation und diverse Halluzinationen zu behalten. In diesem Sinne macht die Inszenierung von Bastian Kraft der Bezeichnung „Spiegel der Gesellschaft“ alle Ehre, vor allem, da die damals in den USA gegenwärtigen Probleme von Stigmatisierung, Homophobie, Rassismus, Fanatismus und Machtgier auch hier und heute noch nicht überwunden scheinen.

Am Ende wendet sich Dank des immer mal wieder herabsteigenden Showgirl-Engels aus Priors Delirium zwar wieder alles zum Guten – es wird die Rewind-Taste gedrückt und an den Punkt zurückgespult, bevor Aids und Trennung eine destruktive Kettenreaktion im Leben der Figuren auslösten.

Doch noch bevor diese Utopie einsetzt, ist es ausgerechnet Joes erzmormonische Mutter, die dem kranken und einsamen Prior – also dem Ex der Affäre ihres Sohnes – Beistand leistet, und das, obwohl sie nicht an Homosexuelle glaubt und er nicht an Mormonen. Ein Fünkchen Hoffnung im „unheilbaren, geisteskranken und bösen“ Amerika.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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