Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Liebe. Trilogie meiner Familie 1

Foto: Armin Smailovic

Von Kadija Dastager

Leider musste Luk Perceval gleich zu Beginn seiner Inszenierung “Liebe. Trilogie meiner Familie I“ mit schlechten Nachrichten  aufwarten: Doktor Pascal, gespielt von Stephan Bissmeier, hatte sich bei Proben verletzt und konnte nur im Sitzen spielen. Dieser Umstand machte sich im Stück aber nicht sonderlich bemerkbar, schließlich ist der Charakter des Dr. Pascal Rougon eher dazu geneigt vorsichtig zu sein – ganz besonders im Hinblick zu Clotilde, seiner schöne Nichte, gespielt von der anmutigen Marie Jung. Ehe er und Clotilde sich ihrem Liebesverhältnis hingeben, versucht er die Ehe mit ihr und Dr. Ramon zu arrangieren, und wird sich erst im Angesicht des möglichen Verlusts über seine Liebe zu Clotilde klar. Der anfängliche Stillstand des älteren Dr. Pascals passt gut zu dem sitzendem Spiel von Stephan Bissmeier, der von der linken Seite der Bühne; die junge und lebenslustige Clotilde beobachtet.

Das Bühnenbild, obschon relativ simpel, fügt sich in die Erzählung Zolas und damit auch in die Inszenierung Percevals ein, sie ist zweigeteilt. Der hintere Teil der Bühne ähnelt einer aus holzgefassten, bekletterbaren Welle, die mit Kreidekritzeleien verziert ist, der vordere Teil ist fest und begehbar. Dieses einfache Bühnenbild offenbart auch die Zweiteilung der Familie, das ständige Auf und Ab des anderen Zweigs der Familie – der Marcquarts, spielt hauptsächlich auf der Welle. Das ruhige Leben des Dr. Pascals, seiner Sekretärin/ Haushälterin Martine, Clotilde und Pascals Mutter Félicité  – der Rougons, spielt auf dem festen Teil der Bühne.

Wer es geschafft hat den Romanzyklus “Rougon-Macquart-Zyklus“ zu lesen, weiß das es schier unmöglich ist das Werk für eine Theaterbühne zu inszenieren, die Erzählungen sind sehr langatmig, es treten viele wichtige Figuren auf und die Geschichten spannen über Jahrzehnte und Generationen. Mit dem Augenmerk auf die Liebe, ist es Luk Perceval und dem Ensemble trotz allem gelungen einen Teil dieses Monumentalwerks auf die Bühne zu bringen. Dabei werden zwei Protagonisten, Dr. Pascal und Gervais Marcquart, und ihre jeweilige Liebesgeschichte hervorgehoben und einander gegenüber gestellt. Im direkten Vergleich wird nicht nur die Art und Weise der Liebe, die sich bei Dr. Pascal ruhig und verhalten und bei Gervaise laut und liebevoll äußert, verglichen; auch das Scheitern und die Trauer bekundet sich unterschiedlich, dabei zeigt Perceval alles andere als subtil, wie viel Umstand der Klassenunterschied der beiden Liebenden dabei Rechnung trägt.

Das verhaltene Spiel der Rougons – der Bildungsklasse, kann mit dem expressivem Spiel und der derben Sprachwahl – Zola war Naturalist – nicht mithalten. Die Marcquarts waren schließlich auch in der Überzahl. Ganz besonders berührend war Percevals Gervaise, stark gespielt von Gabriela Maria Schmeide. Ihre Liebes- und spätere Leidensgeschichte hat das Publikum bis zum bitteren Ende sehr mitgenommen.

Luk Percevals “Liebe I“ ist eine Charakterstudie, eine Erforschung des Parameters „Glück“ und des Einfluss des „Schicksals“ auf das Leben, das sich wie ein roter Faden durch Zolas Werk zieht, erfolgt in „Liebe I“ (noch?) nicht. Das Publikum wird zunächst in die Erzählung eingeführt, die Protagonisten und ihr Glück/Liebe und die Kehrseite davon Trauer/Leid werden vorgestellt. Es ist zu hoffen, dass in den kommenden zwei Inszenierungen, nicht nur die Geschichte der Familie weitererzählt wird.

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/liebe.-trilogie-meiner-familie-1/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. September 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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