Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Herzzentrum VII

Foto: Fabian Hammerl

Von Eugenia Portioli

In seinem neuen Buch Ungläubiges Staunen verkündet Navid Kermani eine einzigartige Begegnung mit dem Christentum und macht sich durch die malerische Kunst auf die innerliche Suche nach kulturellen und religiösen Zusammenhängen. Verbinden anstatt Trennen. Darum geht es in Herzzentrum VII, einer meditative Sonderveranstaltung, die das Thalia schon seit mehreren Spielzeiten auf die Beine stellt, wo das Theater und die Kunst sich mit Ehrfurcht und Freude den Religionen nähern und Brüderlichkeit inszenieren.

In der Besinnung, dass Religionen die ältesten Fragmente und Beweise der Ursprünge unserer Kultur sind, versammeln wir uns heute Abend mit Respekt und Dankbarkeit an einem ungewöhnlichen Ort: Das Staunen und das Hören treffen sich auf den Teppichen der Centrum-Moschee am Steindamm.

Wir „Zuschauer“ werden in zwei Gruppen (Blau und Grün) und auf zwei Stockwerken verteilt. Auf der ersten Etage sind die Gebetsräume der Herren, dort soll ich zuerst hingehen – ich bin in der Blau-Gruppe. Ich ziehe meine Schuhe aus und nehme in dem Gebetsraum Platz im Kreis mit anderen Zuschauern. Mitten im Kreis sitzen Schauspieler, die alle einen Kaftan tragen, denn sie sind die Priester, die Propheten, die das „Wort“ aus dem „Buch“ vorlesen und die Botschaft verkünden werden. Das Buch hier ist nicht die Bibel und die Kapitel, die vorgelesen werden, stammen nicht aus dem Alten oder Neuen Testament, sondern aus Kermanis Buch. Doch spürt man Heiligkeit in der Luft. Jeder Darsteller trägt mit sich auch die Abbildung des Gemäldes, das „Herzzentrum“ der Geschichte jedes Kapitels ist. Die Runde im Kreis wird zur Kunstausstellung.

Wir sitzen alle eng nebeneinander im Kreis, um besser zu hören. Unsere nackten Füße sind alle gleich auf dem Teppich. Wir sitzen im Kreis und hören zu, mit der größten Aufmerksamkeit und in heiliger Stille. Die Schauspieler sind uns so nah, sprechen mit uns und für uns ihre Botschaft aus. Dann verlassen sie uns und ziehen sie zu dem nächsten Kreis weiter.

Im ersten Stock spielen Hannes Hellmann „Simonida“, Steffen Siegmund „Hieronymus“, Sebastian Rudolph „Lust I.“ Im zweiten Stock war Marina Wandruszka „Mutter“, Marie Jung „Hiob“, Miriam Strübel „Kirche“, Sachiko Hara „Elisabeth.“ Kermanis Buch besteht aus 40 Kapiteln. Ich kann nur diese sieben Geschichten hören. Die Zeit würde sonst nicht ausreichen. Aus den sieben Geschichten aus den sieben Kapiteln kann ich aber sieben Gespräche mit den anderen (Zuschauern/) Mitreisenden, mit den (Darstellern/) Priestern und mit mir selbst führen. Ideen und Gefühle werden ausgesprochen, geteilt und eingesammelt.

Es wird zweimal gebetet – nach islamischem Ritus. Männer, die regelmäßig in diese Moschee kommen und die Karte für Herzzentrum nicht gekauft haben, bilden zwei Reihen vor uns, als ob wir nicht da wären. So schön und fremd ist dieser Moment des Zusammenseins! Alle schauen regungslos, bis das Gebet vorbei ist. Der arabische Gesang wirkt wie ein Zauber: Ich bin vom Staunen erfüllt und wünsche, ich könnte die melodischen Wörter mitsingen und diese Ruhe in mir bewahren.

„Große Dinge werden durch die Wiederholung nicht langweilig. Nur das Belanglose braucht die Abwechslung und muß schnell durch anders ersetzt werden. Das Große wird größer, indem wir es wiederholen, und wir selbst werden reicher dabei und werden still und werden frei.“

Das Zitat des zurückgetretenen Papstes Joseph Ratzingers wurde mit dem Vortrag des ersten Kapitels des Buches „Mutter“ von der Thalia Schauspielerin Marina Wandruszka mit viel Emotion vorgelesen. Ein Satz, der für jede Religion der Welt vom Buddhismus über den Schintoismus bis zum Christentum eine Botschaft von Besinnlichkeit und Frieden ausspricht. Wiederholung und Gebet.

Nach jeder Geschichte kommt die nächste, dem frühen Gebet folgt der Spätere, alles ist in ständiger Wiederholung und, in der kontemplativen Atmosphäre der Moschee, wird der Sinn größer und größer. Alles gewinnt mehr und mehr an Bedeutung und verlangt von uns die höchste Konzentration. Eng im Kreis sitzend, muss man sich anstrengen, der Entwicklung der Geschichten zu folgen. Das laute Gemurmel und die mittlerweile ungemütliche Sitzposition helfen dabei nicht. „So ist es aber auch im Leben“, vertraut sich eine Dame an, die in der Gruppe neben mir sitzt, „man sammelt immer nur Fetzen aus den unterschiedlichsten Erfahrungen. Es liegt ganz an uns aus dem Ganzen eine Bedeutung zu erlangen.“

Der Muslim und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani nimmt uns in seinem Buch mit in seine christliche Vorstellungswelt. Er bietet uns eine Alternative, eine neue Interpretation aus einer unkonventionellen Perspektive. In Herzzentrum erkennt man diesen Wunsch nach Öffnung und Alternative. Man findet ein gemeinsames Herz: das Zentrum der Kultur der Menschheit.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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