Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Dreigroschenoper

Foto: Armin Smailovic

Von Anna-Maria Jarmula

„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!“ – das weiß auch Jonathan Peachum. Denn seinen eigenen Wohlstand hat er der Professionalisierung von Bettlern zu verdanken, die ihr reales Elend wiederum der Gesellschaft zu verdanken haben. Letztere möchte damit allerdings bitte nicht konfrontiert werden – hat dann aber doch eine kleine Spende parat, wenn es denn unbedingt sein muss und die Bettler ihre „Show“ gekonnt abliefern.
Zu kompliziert und realitätsfern? – Willkommen im Hier und Jetzt, wo das Ausstellen von vermeintlich typischen, quotengenerierenden Hartz IV-Empfängern im Privatfernsehen gleichzeitig mit der mehr oder weniger subtilen Zurschaustellung von Statussymbolen in sozialen Medien einhergeht. Wo der spätkapitalistische Poker um Nehmen und Geben, um Gewinn- und Verlierermaximierung in vollem Gange ist.

Aber eins nach dem anderen. Die Dreigroschenoper: Ein Mix aus findigen Unternehmern (siehe weiter oben), korrupten Polizisten und einem Gangsterboss, dem die Damenwelt zwar zu Füßen liegt, ihm sein Leben jedoch gehörig verkompliziert – garniert mit diversen Gesangs- und Tanzeinlagen, denn schließlich hat man ja für eine Oper bezahlt. So weit, so gut. Auffällig ist jedoch bereits in den ersten Szenen, dass alle gleich aussehen: Blaumann, mal inklusive Schiebermütze, mal mit Brille. Man wird einerseits unweigerlich an das Erscheinungsbild des Autors erinnert, andererseits werden die Klassenunterschiede der Figuren so zumindest äußerlich außer Kraft gesetzt – wir alle sind für einen Abend Bert Brecht und sehen die Welt mit seinen Augen.

Zudem gibt es – bis auf einige Leuchtröhren – kein Bühnenbild, jedoch wird man schon zu Beginn der Aufführung darauf hingewiesen, dass man ohne jegliches Imaginationsvermögen besser beraten ist, den Saal zu verlassen. Denn die nicht existierenden Requisiten werden in jeder Szene von den Figuren gestisch und akustisch dargestellt oder exakt beschrieben, sodass auch immer mal wieder die Rolle des kommentierenden Autors (bitte mit rollendem „r“ lesen) übernommen wird.

Doch der brecht’sche V-Effekt wird noch weiter ausgereizt: Mal vergisst Jonathans Frau Celia Peachum, dass sie vor einen imaginären Vorhang treten soll, mal wird eine Szene mehrfach wiederholt, bis sie allen gefällt, mal kann Gangsterboss Mackie Messer plötzlich Chinesisch und verblüfft die Zuschauer mit tarantinoesken Kung Fu Fertigkeiten inklusive passender Soundeffekte. Eine Überraschung jagt die nächste und findet ihren krönenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Abschluss am Ende der Aufführung, als Reaktion auf einen Monolog, der die Verbrauchtheit des Dreigroschenoper-Stoffes und sämtlicher Inszenierungen anprangert.

Fazit: Antú Romero Nunes‘ Inszenierung der Dreigroschenoper ist ein gelungenes und facettenreiches Experiment, das auf eine sehr amüsante Art und Weise die Grenzen des epischen Theaters auslotet und dessen Ensemble wie auch die musikalische Untermalung nichts zu wünschen übrig lassen.

Ach ja… um welche Überraschung es sich handelt, von der ich so geschwärmt habe? Nun, wenn ich diese preisgeben würde, wäre es ja keine Überraschung mehr. Also: Hingehen und anschauen!

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-dreigroschenoper/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. September 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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