Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

≈ [ungefähr gleich]

Foto: Krafft Angerer

Von Eugenia Portioli

Der Theaterraum ist leer und schwarz. Auf der Bühne ist nur eine Metallkonstruktion zu sehen, die einer großen Schaukel oder einem Sprungbrett ähnelt. Ein bronzefarbiger Haufen aus 1-Cent-Stücken liegt mitten drauf. Viel Wert? Nichts? Ungefähr gleich.

Ich erinnere mich noch, wie begeistert ich war, als ich vor einigen Jahren Jonas Hassen Khemiris „Invasion!“ in der Garage sah. Klasse Stück. Ich musste darüber eine Hausarbeit schreiben aber es war nicht schlimm, hatte sogar ein wenig Spaß gemacht. Da wusste ich, es musste etwas Besonderem an diesem Autor sein.

Sehr schön. Dann freue ich mich, dass Jonas Hassen Khemiri den Weg zurück ins Thalia gefunden hat. Heute hat „≈ [ungefähr gleich]“ in der Regie von Anne Lenk in der Gaussstraße Premiere und meine Erwartungen sind hoch!

Die Geschichte wird episodenhaft erzählt. Gewählt wird eine epische Form der Erzählung, die dazu zwingt, die Charaktere von sich selbst (und von ihrem Versagen) zu berichten – eine ironische Vorgehensweise. Präsentiert werden die Schicksale fünf Figuren, die voneinander sehr unterschiedlich sind und dennoch etwas Gemeinsames haben: Sie kommen mit ihrem Leben irgendwie nicht klar.
Andrej ist ein junger Mann, der sein Berufsleben endlich starten und ins Wirtschaftssystem einsteigen will. Die Anfänge sind aber schwieriger als erwartet und das Geld reicht nicht mehr. Er muss zuletzt zum Kompromiss mit seinem Ego kommen und auf seinen Traumjob verzichten. Damit beginnt er im Tabak-Laden zu arbeiten.
Freja entscheidet sich für die Rache, um dem System zu entkommen: Sie schubst und beinahe tötet ihre Arbeitgeberin, die von einem Auto überfahren wird und im Krankenhaus landet.
Martina, möchte einen Weg aus dem System herausfinden. Deshalb träumt sie davon, sich ein Stück Land zu kaufen und damit unabhängig von den Regeln der Massenproduktion für sich und ihre Familie zu sorgen. Wiederum ist der Mangel an Geld, das zentrale Problem, das die Realisierung von dem Traum verhindert.
Martinas Lebensgefährte Mani unterrichtet Wirtschaftsgeschichte an der Universität. Seine Kritik an das System ist passiv und wirkt nur von Innen. „Jetzt steh auf, gehe in die Welt und verändere sie!“ – Wirft ihm Martina vor. Mani leider lebt in der Welt der Theorie und kann seine Kritik und Einstellungen nicht in die Tat umsetzen.
Peter ist der Obdachlose, der jeden Tag zwischen dem Kiosk und dem Blumenladen steht, um sein Geld für den Tag zu erbetteln. Peter ist die einzige Figur der Geschichte, die gewinnt, wo die anderen scheitern. Er bleibt sich selbst treu und lebt das Leben, das er für sich bestimmt hat. Er braucht keinen Job, um sich seinen tägliches Gehalt zu verdienen. Aus dem System hat er seinen Ausweg gefunden und lebt ohne Regeln auf der Straße. Er hat, im Gegensatz zu den anderen, seine Einstellungen in die Tat umgesetzt.

Das Thema ist ja ernst und aktuell, wird aber von dieser Adaption fürs Theater entdramatisiert. Um die Schaukel herum, tauschen sich die Schauspieler Rollen, Muppets- und Schokoriegeln-Kostümen, schaufeln Geld weg, sehen auf der Couch fern und tanzen in Parfumwolken.

Auf der Schaukel sehe ich mich selbst und meine Lebensgeschichte. Uns so das Kontinuum von ein- und aussteigenden Momente, an der Schwelle zwischen Traum und Versagen. Es ist so schwer alles im Gleichgewicht zu halten!

Im Theater ist all dieses Schaukeln aber auch heute Abend ein Erfolg!

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/ungefaehr-gleich/

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. September 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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