Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die drei Musketiere

Foto: Fabian Hammerl

Von Eugenia Portioli

Ay, ay, ay, ay, ay cantaba.
Ay, ay, ay, ay, ay, cantaban d’Artagnan und die anderen mit.

Cucurrucucú paloma. Heute eröffnet das Thalia seine Pforten in der HafenCity mit der Wiederaufnahme-Premiere von „Die drei Musketiere“ in der Regie von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann.
Den meisten sind Alexandre Dumas’ Figuren von d’Artagnan und seinen Freunden Athos, Porthos und Aramis aus Kinderbüchern und –Zeiten eh schon bekannt. Von den vielen Intrigen und mutigen Gesten des Pariser Helden gegen den finsteren Kardinal Richelieu im dunklen Frankreich des 17. Jahrhunderts hat man auch sicherlich schon gehört. Na gut, ein altbackener Stoff also – nein, ganz im Gegenteil. Lasst euch bitte nicht täuschen, denn das heutige Spektakel und alles, was hier in dieser sonderbaren location geleistet wird, ist ALLLES andere als erwartbar.

Ay, ay, ay, ay, ay, „Was ist das für ein Frauenbild?“ Im Thalia Zirkus sind heute die Frauen, die wahren Stars der Show. Ja, denn sie sind in der Tat überall, hinter jeder Maske und den vielen dargestellten Rollen, auf der Bühne und unter den Röcken. Sie haben heute vor ihrem begeisterten Publikum gefochten, geschrien, getrunken und à la männliche Art verlockt. Die (wenigen) Frauen-Rollen erfreuten sich au contraire an männlicher Provokation und Neu-Interpretation – einfach grandios die Leistungen von Sebastian Zimmler, der als Milady de Winter das Publikum drei Stunden lang fest im femininen Griff hält, und von den talentierten Musikern, die die Inszenierung mit Balladen und musikalischen Staccati begleitet haben.
Kein Platz für Sexismen jener Art, denn heute war unter anderem auch ein gender-free, gemischtgeschlechtlicher Abend. Frauen mit Brusthaaren und Männer mit Lippenstift haben sich geküsst, getötet, geliebt ay, ay, ay, ay tanzend und immer weiter singend.

Ay, ay, ay, ay, ay, das Bühnenbild war groß – eine Holzkonstruktion mitten im Zelt, ein Balkon für Serenaden, ein Segelschiff für die Fantasie. Die Schauspieler richtige Profis ihres Metiers.  Unglaublich schnell und einwandfrei schlüpften sie sich immer wieder in neue Rollen und Kostüme hinein. Vom Schweizer Dialekt bis ins Französische, vom punk Englischen bis ins Spanische hat die Sprache für Vielfältigkeit gesorgt. Sandra Flubacher und Victoria Trauttmansdorff haben sich trotz kilometerhoch Perücken und Schwerter eine erstklassige und mehrsprachige Bühnenpräsenz durchgekämpft – meine absoluten Abend-Favoriten.

Ay, ay, ay, ay, ay, cantaban d’Artagnan und die anderen mit. Ay, ay, ay, ay, ay.
Ja, die haben alle gesungen, vielleicht am Ende doch etwas zu viel und mit übertriebener Leichtigkeit. Dem ersten Akt folgte nämlich ein langsamer und redundanter zweiter Teil, wo die subtile Provokation des Anfangs peu à peu kabarettistische Konturen angenommen hat. Im Zelt wurde langsam warm, die Luft stickig, das Publikum unruhig. Als unglücklicher Beweis der übertriebenen Ironie und Sarkasmus’ stand letztendlich für mich exemplarisch der traurige Pierrot, tragikomische Figur aus der Commedia dell‘arte. Traurig und geschmacklos. Schlussendlich waren die letzten Ereignisse schon an sich sehr tragisch und ich hätte mir etwas mehr Mitgefühl und weniger Frivolität gewünscht.
Aber ay, panem et circenses.
Heute waren wir im Zelt und das Volk wollte lachen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Juni 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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