Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten

BG1B8817Foto: Armin Smailovic

Von Tjorven Hamdorf

Die Bühne ist ein Platz im hellen Licht. Es beginnt damit, dass einer über ihn weg läuft, dann ein anderer ebenso. Was du gesehen hast, verrat es nicht; bleib in dem Bild.  Mit diesem Hinweis, projiziert auf die Bühne, beginnt Peter Handkes Die Stunde da wir nichts voneinander wußten. Regie dieser Inszenierung, die ganz ohne gesprochene Worte auskommt, führen die Esten Tiit Ojasoo & Ene-Liis Semper. Hektisch laufen viele grau gekleidete Menschen hin und her, begleitet von eindrucksvoller Musik. Hinter ihnen eine gewaltige graue Wand. Hin und wieder rempeln sich die Leute an, doch keiner zeigt Interesse am anderen. In der Menge ist jeder für sich allein. Teilnahmslos und scheinbar unbeirrt gehen sie ihre Wege.

Doch in ihnen brodelt es. Immer wieder wird diese öde, graue Welt von den Gefühlsausbrüchen Einzelner gestört. Die Frau, die mit ihrer Tasche in der einen Hand und ihrem Coffee to go in der anderen Hand über den Platz eilt, während sie telefoniert, fällt dreimal hin. Beim ersten Mal steht sie einfach wieder auf, beim zweiten Mal atmet sie tief ein und aus und deutet eine Entspannungsübung an, beim dritten Mal platzt ihr der Kragen und sie schreit, laut und schrill. Ein Kind wirft sich auf einen Mann und umklammert in fest. Er versucht, es abzuschütteln, doch das Kind springt immer wieder auf ihn. Ein Mann im Anzug schlägt mit einer Packung Windeln auf einen Fremden ein. Ordentlich gekleidete Menschen, doch sie sind verstört und verängstigt. Sonderbare Gestalten sind Teil dieser Gesellschaft.

Die Regisseure arbeiten viel mit Stereotypen und zugespitzten Klischees. Vorhersehbar sind die Handlungen trotzdem nicht. Die Wand verwandelt sich in die Klagemauer. Jüdische Gläubige beten an der Mauer, gleichzeitig ertönt islamischer Gesang und christliche Geistliche laufen vorbei. So wird darauf aufmerksam gemacht, dass Jerusalem die heilige Stadt der Juden, der Moslems und der Christen ist. Dann dreht sich die Wand, auf der anderen Seite ist die europäische Welt. Einige laufen mit Umzugskarton herum, ihnen ist gekündigt worden. Es werden immer mehr, die ihren Arbeitsplatz räumen mussten. Die Wand teilt sich, die Bühne wird in helles Licht getaucht. Eine Schar nackter Menschen läuft durcheinander. Als drei Geistliche über den Platz schreiten, fallen sie auf den Boden. „Keiner schaut dabei dem Anderen zu“, singt der Chor, der aus 17 Männern besteht, die verteilt im Publikum sitzen.

Gebannt habe ich die Handlung verfolgt und die 135 Minuten vergingen rasend schnell. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Frauen überwiegend in High Heels auftreten, und obwohl sie sehr schnell laufen müssen, gab es überraschenderweise keinen einzigen Unfall. Mit tosendem Applaus bedankte sich das Publikum für diesen spektakulären Abend im Thalia Theater.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Mai 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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