Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel

"Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel" Thalia Theater

Foto: Fabian Hammerl

Von Eugenia Portioli

Heute Abend sitzt man in intimem Kreis, hier in der Garage der Gaußstraße. Friederike Harmstorf bringt auf die Bühne ihre Re-Interpretation der tragikomischen Satire von Theresia Walser Ich bin ihr, ich liebe Äpfel. Eine Bühne im wahrsten Sinne des Wortes gibt es dennoch nicht. Der Raum ist so klein, dass man die Linie zwischen Zuschauern und Schauspielern übersieht. Das Bühnenbild besteht aus einem Sprungbrett, mitten im Raum – einem Podium ohne Blumen, bedauert Frau Imelda Marcos. Sie: die Promis. Und wir? Die öffentliche Meinung.

Heute Abend wird ein mühsames Treffen auf einer unmöglichen Pressekonferenz auf die Beine gestellt: Drei Diktatoren-Gattinnen halten vor uns eine offizielle Rede. Begegnet seien sich die mächtigen Frauen früher nie. Die DDR-Ministerin für Volksbildung Margot Honecker, die philippinische Opernsängerin und Schönheitskönigin Imelda Marcos und die aus Tunesien hinausgejagte First Lady Leila Ben Ali äußern sich über die geplante Verfilmung der Geschichte ihres Lebens. Eine irreführende Brücke zwischen ihnen zu ziehen, ist nicht denkbar und wird von der sprachlichen Übersetzung nur vorgetäuscht. Der Simultandolmetscher Gottfried schwitzt und kämpft vergeblich zugunsten der interkulturellen Verständigung. Dennoch stellt seine schwindelnde Figur keinen „Gott-des-Frieden“ heraus, sondern einen mittanzenden Körper, eine Wanderwelle, die sich schwer über Wasser hält.

Heute Abend geht es nicht ums Übersetzen – ja „als sei das schön“, würde Frau Imelda hinzufügen. Es wird im Gegenteil enthüllt und bloßgestellt, wie Einseitigkeit zerstörerisch sein kann. „Bella e infedele“ – „schön und untreu“: So nennt man auf Italienisch eine gelungene Übersetzung. Nicht ÜBER-SETZEN, sondern ÜBER-SITZEN. Wenn man über-setzt, sitzt man auch über anderen. Man lügt und wird andauernd belogen, denn die Sprache verlangt über-gesetzt zu werden, um mit Arroganz und Engstirnigkeit den anderen über-legen zu sein. Was durch das Sieb der Übersetzung hinaus fließt, ist nichts anders als gefilterte, belogene Wahrheit. „Es gibt Sätze, die sagt man, damit man andere Sätze nicht sagt“ – besser hätte Frau Imelda nicht auf den Punkt kommen können. „Lügen über Lügen“, wiederholt gereizt Frau Margot. Und so wird um den höchsten Platz auf dem Podium gekämpft, ganz oben auf dem Springbrett – so weit vorne wie möglich, immer ein Stuck höher und nur ein Schritt vor dem Untergang.

Heute Abend wird ein Gespenster-Spiel inszeniert. Das Phantom ist Gottfried, der großartige Florian Anderer. Er ist Dolmetscher, Stimme, die in andere hineinschlüpft, Brücken baut und Menschen verbindet. Ihn gibt es in Wahrheit nicht, er täuscht sich nur durch seine Tätigkeit vor, zu existieren. „Immer fehlte bei mir etwas“, gesteht dieser am Ende des Stücks, kurz bevor er die Matroschka-Urne mit der Asche von Erich Honecker aus Versehen fallen lässt, „zur Gleichheit fehlte mir immer alles, nur wusste ich nicht, was?! Die richtigen Worte, die richtigen Eltern oder einfach das richtige Halstuch. Man war einfach falsch, von Grund auf falsch.“ Gottfried muss immerhin weiter übersetzen, konzentriert bleiben, „kein falsches Wort, kein falscher Ton, kein falsches Garnichts“ aussprechen, nur die Worte der Frauen, die Idee, die sie plötzlich verkörpern, „als einen Hauch, einen Klang, einen reinen Geist“ wiedergeben. Gottfried jongliert mit der Vorstellung, sich endlich mal eine Identität anzueignen – egal wie verwerflich und unmoralisch diese sei, Hauptsache sie sei da, gegeben und beweisbar. Das tödliche Verschwinden des Vermittlers im Prozess des Übersetzens und des Übersetzt-Werdens: Das ist die wahre Tragik des Stücks.

Heute Abend haben Prominente am Thalia gespielt und vor Talent gestrahlt. Ja, denn dieser Abend gehört ihnen. Nach eineinhalb Stunden pausenlos verbaler Provokation. Sandra Fluchbacher (Imelda), Victoria Trauttmansdorff (Margot), Patrycia Ziolkowska (Leila) und Florian Anderer (Gottfried) haben uns gezeigt, wie aussagekräftig das Wort auf dem Theater ist. Kleine Produktion, große theatralische Leistung. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles ist richtig platziert. So gut.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. April 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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