Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel

"Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel" Thalia TheaterFoto: Fabian Hammerl

Von Mehmet Ates

Drei Frauen mit Handtaschen gefüllt mit ganzen Nationen, Erich Honecker und einer rostigen Machete mit einer hübschen gelben Schleife.

Wo kein Volk ist muss nicht gewunken werden!

Nach diesem Zitat richtet sich wohl das gesamte Stück. Während der Inszenierung befinden sich lediglich die drei Diktatorengattinnen, ein Dolmetscher und eine schräge Bank auf der Bühne. Die Vier sind wegen einer anstehenden Pressekonferenz erschienen und treffen kurz vorher in dem Senderaum aufeinander. Zwischen den vermeintlichen Aufnahmen haben sie die Gelegenheit, sich etwas besser kennen zu lernen und ihre Empfindungen zu äußern. Immer wenn die Lampen rot blinken, wird sofort auf eine repräsentative Haltung, kombiniert mit einem hübschen Lächeln, umgeschaltet. Das Problem der mehrsprachigen Kommunikation wird durch den (nicht ganz) neutralen Dolmetscher gelöst.

Umso mehr Attentate auf einen Menschen verübt werden, desto wichtiger ist er.

Es wird sofort erkennbar, dass jede dieser drei Damen eine extreme Persönlichkeit beherbergt. Dabei schaffen es die großartigen Schauspieler, dass sich ihre Figuren gegenseitig immer wieder in ihrem exzentrischen und skurrilen Verhalten übertreffen. Margot hat eine Phobie gegen das von links nach rechts gehen und sagt fremden Zeitzonen den Kampf an. Die schöne Leila trinkt wegen ihrer Zartheit nur noch Wasser aus Kanada und will der Welt endlich ihr lyrisches Talent offenbaren. Dann ist da noch Imelda, die extravaganteste Figur des Abends. Sie wertet versuchte Attentate als Statussymbol, schwärmt durchgehend von ihren prominenten Treffen und zeigt dazu eine tiefe Abneigung gegen blumenlose Räume.
Die Damen haben viel zu erzählen. Sie reden miteinander. Sie reden mit dem Dolmetscher. Meistens reden sie jedoch einfach vor sich hin, ohne dass ihnen wirklich zugehört wird. Sie könnten ohne weiteres stundenlange Sendezeiten ohne Pause füllen. Die drei sprechen dabei mit einer Haltung der Selbstverständlichkeit und sind vollkommen von sich und der eigenen Ideologie Überzeugt.

Dolmetscher sind die schlimmsten Kriegstreiber.

Dann ist da noch ein bedauerlicher Mann zwischen diesen großen Frauen. Gottfried versteht seinen Beruf und sich selbst als Brückenbauer, da erst durch ihn eine Kommunikation überhaupt stattfinden kann. Er hat die Macht, alles zu verstehen, und das Verstandene, so wie es ihm gerade passt, weiterzugeben. Indem er provokante Anmerkungen verharmlost, versucht er mehr oder weniger erfolgreich einer Eskalation entgegenzuwirken. Dann wiederum fügt er der Übersetzung hin und wieder ein gewisses Maß an Eigeninterpretation hinzu oder setzt bestimmtes Wissen als selbstverständlich voraus. Er ist ein Manipulateur. Man sieht ihm jedoch in mehreren Situationen deutlich an, dass er durch die drei Frauen stark gefordert wird. Besonders anschaulich wurde dies für mich, als die Schauspieler während einer Szene für mich nicht mehr sichtbar waren, da mein Blickwinkel durch eine Betonsäule beeinträchtigt wurde, und ich nur noch ihre Schatten an der Wand sehen konnte. Hier erkannte ich, dass Gottfried für einen kurzen Moment umzingelt war von den drei aufbrausenden Frauen und es wirkte als würde er zwischen ihnen untergehen. Dabei hat er mir schon fast Leid getan.

Der Theaterabend hat mir sehr gefallen und in mir die Frage aufgeworfen wie es wohl tatsächlich sein würde, wenn Margot Honecker, Imelda Marcos und Leila Ben Ali auf einander treffen würden.

Team Leila #ThaliaGauss

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. April 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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