Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Ich rufe meine Brüder

Ich rufe meine Brueder, Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Tjorven Hamdorf

Das Publikum nimmt allmählich Platz. Ein junger Mann steht auf der Bühne und steuert von dort aus ein Spielflugzeug, das surrend über unseren Köpfen schwebt.  Plötzlich geht das Flugzeug links neben der Bühne zu Boden. Bleibt zuhause! Verhaltet euch ruhig. Präpariert die Rollos mit dem Spezialtrick, so dass keiner hineinsehen, ihr aber hinaussehen könnt. Legt die Zeitungen direkt zum Altpapier. Bis sich die Lage beruhigt hat! Der Mann gibt uns Anweisungen. Er fängt an zu erzählen- er, Amor, war auf dieser krassen Party als sein langjähriger Freund Shavi anruft. Amor erkannte die Nummer, und doch ging er nicht ran. Shavi rief noch ein zweites, ein drittes Mal an. Als sie am nächsten Morgen schließlich miteinander telefonierten, ist Shavi außer sich. Es hat einen Anschlag gegeben in der Stadt, ein Mann, ein Auto, zwei Explosionen- mitten in der City!

Für Amor ist nichts mehr wie vorher, es herrscht absoluter Ausnahmezustand. Er glaubt, überall Aufmerksamkeit zu erregen und macht es sich zum Ziel, mit seiner Umgebung zu verschmelzen um so unverdächtig wie möglich zu erscheinen. Es gilt herauszufinden, wie man aussieht, wenn man sich ganz normal verhält. Doch was hat er überhaupt mit dem Bombenanschlag zu tun? Amor beginnt, die Angst vor islamistischem Terror auf sich selbst zu projizieren. In seinem Gedankenwirrwarr wird die Angst deutlich, sich selbst zu verlieren, sich selbst fremd zu sein. „Hört auf zu fragen und zu sagen, wer ihr seid!“ fordert er uns auf. „Ich rufe Brüder und sage: Jetzt geht’s los. Haltet euch bereit!“ Die Brüder sind nicht etwa seine biologischen Brüder, sondern all diejenigen, die ebenso von rassistischen Vorurteilen betroffen sind. Dass der Mitarbeiter im Supermarkt, der äußerlich klar als „Bruder“ erkennbar ist, verärgert auf die Anrede „Bruder“ reagiert, macht ihm zu Verräter. Schließlich müssen die Brüder in einer Gesellschaft, die auch rechte Parteien ins Parlament wählt, zusammen halten! Amor erkennt, er weiß inzwischen selbst nicht mehr, wie viel sich nur in seinem Kopf abspielt. Die Paranoia greift um sich und vergiftet unsere Gesellschaft, in der die Angst Alltag geworden ist. Mitreißend wird Amors Geschichte erzählt und beschäftigte mich auch noch nach dem Stück. Trotz des eigentlich sehr bedrückenden Themas gab es viele komische Situationen, in denen man herzhaft lachen konnte. Ein fesselnder, politisch aktueller Theaterabend mit fantastischen Schauspielern, den ich nur weiterempfehlen kann!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. März 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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