Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Das Käthchen von Heilbronn

Das KŠthchen von Heilbronn, Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Mazlum Nergiz

Das Zufällige ist eine der auffälligsten und oft bis zur absoluten Absurdität ausgeführten Strategien in den Erzählungen und Dramen von Kleist, um die geordneten Welten seiner Figuren völlig in die Katastrophe rasen zu lassen. Oder zumindest, wie in seinem Fünfakter Das Käthchen von Heilbronn, die Prinzipien der Vernunft, Rationalität und Sittlichkeit, welche das vorstellbare Handeln und Denken der Protagonisten ordnet, bis an die Grenzen der Auflösung jeglichen Sinns hinterfragt.

Regisseur Bastian Kraft hat sich diesem berühmten Drama von Kleist aus dem Jahr 1810 angenommen, das uns fast bis ans nervenaufreibende Ende nicht preisgeben will, wieso Käthchen, die Tochter des Waffenschmieds Theobald Friedeborn, seit der ersten leibhaftigen Begegnung mit dem Graf Wetter vom Strahl diesem absolut verfallen ist und ihm stur und resolut überall hinfolgt. Käthchens Vater kann sich dieses zuweilen marionettenhafte Verhalten seiner Tochter nicht anders erklären, als dass sie vom Grafen mit dunkler Magie beseelt wurde. Aus gekränkter Ehre und Angst um sein Käthchen bringt er den Grafen vor ein heimliches Gericht, welches tief versteckt in den Wäldern Schwabens Recht sprechen soll über diesen absonderlichen Fall.

So beginnt auch Krafts Inszenierung und lässt uns eine halbe Stunde diesem aufreibenden, doch bisweilen zerfledderndem Spiel zwischen dem Grafen, Käthchens Vater und dem als Schatten auf dem Eisernen Vorhang projizierten Gerichts teilhaben, bis er uns in das restliche Geschehen einführt.

Die Bühne versucht weiter aus einem riesigen Rondell, das anfangs an der Decke hängt und an dem zwei weiße Tücher herunterhängen, die einen mit mit Löchern durchbohrten Kasten umhüllen, gleichzeitig eine Traumwelt über Nebel und Lichtkegel zu erschaffen, aber auch im Laufe des Spiel das heruntergelassene Gerüst als so verschiedene Spielorte wie die Grotte, die Burg und den Holunderbaum einzusetzen, an dem Käthchen schlaftrunken dem Grafen erzählt, was ihr selbst nicht bewusst ist: In der Silvesternacht vor zwei Jahren ist ihr in einem Traum ein Engel erschienen, der ihr den Graf als zukünftigen Bräutigam vorausgesagt hat. So mit seinem eigenen Traum konfrontiert, ist der Graf davon überzeugt, in Käthchen die Tochter des Kaisers und die Frau seiner Bestimmung gefunden zu haben.

Zwar hält Kraft die Chronologie des langen Dramas sinnvoller Weise nicht an allen Stellen ein und kürzt da, wo Kleist sich in verästelte Nebenschauplätze verkriecht, doch hat sich Kraft für Kleists Sprache in so radikaler Weise entschieden, dass die Schauspieler*innen das Gefühl vermitteln, sie hätten Kleists Welt akkurat auswendig gelernt, aber in ihr halten können sie sich auch nicht.

Diese Bodenlosigkeit der Sprache ist eine Technik Kleists, den nicht zu verstehenden Vorgängen in seiner dramatischen Welt eine entsprechende Brücke mittels der Sprache zu bauen, um wenigstens das Verstehen zu versuchen, doch ist diese Brücke immer einsturzgefährdet. Nun rührt diese Haltlosigkeit ausnahmsweise nicht daher, dass die Schauspieler*innen nicht wissen, wie mit Kleists Sprache umzugehen ist. Eher liegt es am fehlenden Raum der Bühne, in dem sich das dargebotene Spiel verliert und insgesamt am Konzept dieser Inszenierung, dass sich bis zum langen Ende wie ein eingeschnapptes Kind weigert, uns zu erzählen, was heute das Käthchen von Heilbronn noch so erzählenswert macht.

Das konsequent durchgezogene Spiel mit Licht- und Schattenverhältnissen ist ein interessanter visueller Ansatz, um die sich im Laufe der Geschichte ineinander verwickelnden Stränge von Traum und Realität, die wiederum gleichzeitig kritisch die Existenz des jeweils anderen infrage stellen, aufzuzeigen. Beim Käthchen weben Traum und Wirklichkeit am selben Kleid der Gesellschaft mit und geben uns zu verstehen, dass wir Menschen einfach nicht alle Zusammenhänge dieser Welt mit den scheinbar so sicheren Mitteln der Vernunft bezeichnen können, um sie anschließend in die einfachen Kategorien von gut und böse, ehrlich und falsch, wahnsinnig und rational einzuzwängen. In dieser Linie stehen auch die Überlegungen des Stücks zum Konzept Liebe, welches brutal aber kühl die wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Käthchen und dem Grafen in den Zuckungen von Licht und Schatten an die Oberfläche bringt.

Die anachronistische Inszenierung von Kraft reibt sich am langweiligen Literaturtheater ab, das problemlos glaubt, ein über 200 Jahres altes Stück so auf die Bühne zu bringen, wie es mal geschrieben wurde. Wer sich einzig an Kleists Sprache laben will, kann getrost die Stücke auch einfach nur lesen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Februar 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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