Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Macbeth

a1___makbet_Von Anna-Maria Jarmula

Ruhe. Ein Dickicht aus scheinbar schwebenden Eisenstangen. Silhouetten, die auf die Bühne kommen und sich in dieses Dickicht einreihen. Immer noch Ruhe, bis auf gelegentliches Husten aus dem Zuschauerraum. Mehr und mehr Silhouetten. Dann: Flüstern. Eine Silhouette wird plötzlich mittels Scheinwerferlicht in den Mittelpunkt gestellt: Macbeth. Er steckt seinen Kopf mehrere Male in einen Eimer mit Wasser, bis er fast keine Luft mehr bekommt und wieder auftauchen muss. Verwirrung. Warum tut er das? Und warum tut seine Frau, Lady Macbeth, im Anschluss dasselbe?

Zugegeben, dies waren nicht die einzigen Szenen, die mich verwirrt haben. Und dennoch war Verwirrung einer der angenehmeren Sinneseindrücke dieser Inszenierung. Die laute, nicht enden wollende, alles übertönende Geräuschkulisse, die für jeden weiteren Meilenstein von Macbeths wachsender Machtgier stand, ließ mich die lange, ja fast schon peinliche Stille am Beginn des Stücks zurück ersehnen. So sehr, dass ich tatsächlich ein wenig froh war, als das Stück endlich vorbei war. Allerdings hat der Regisseur Luk Perceval damit vermutlich genau das bei mir erreicht, was er beim Publikum erreichen wollte: Eine Reaktion, ein Gefühl, eine Meinung beim Verlassen des Theatersaals. Alles, nur keine Gleichgültigkeit.

Die Inszenierung fokussiert sich vor allem auf die Figur des Macbeth und seine Gedankenwelt, die durch bedrohlich wirkende Figuren mit langen, dunklen Haaren im Hintergrund des Eisenstangen-Dickichts personifiziert wird. Nach der Prophezeiung dreier Hexen zunächst noch im Konflikt mit seinem Gewissen, ermordet Macbeth auf Druck seiner Frau hin schließlich König Duncan von Schottland, um sein Nachfolger zu werden. „Ein falsches Gesicht muss das verhehlen, was das falsche Herz weiß“. Doch als der Versuch der Vertuschung des Mordes nicht gelingt und die neu gewonnene Macht der Macbeths bedroht wird, weitet sich dieser eine Mord zu einer Serie von Morden und wachsender Herrschaftsgier aus. Die personifizierte, dunkle Gedankenwelt, der Wahnsinn, bewegt sich dabei stockend, aber von Mal zu Mal näher auf die Macbeths zu. Und mit jedem Wahnsinns-Schub werden die begleitenden Tonfolgen lauter und unerträglicher.

Percevals „Macbeth“-Inszenierung zeigt auf diese Weise ein Psychogramm einer Figur, die mehr und mehr in einen Strudel aus Habgier und Gewalt gerät, wobei das eine und das andere sich gegenseitig zu bedingen scheinen. Grenzen, symbolisch dargestellt durch die Eisenstangen, werden nach einem hin und her Schwingen schließlich überschritten, während das entstehende Leid und die psychischen Folgen – für beide Seiten – von Macbeth in Kauf genommen werden. „Ich hab mich vollgeschluckt mit so viel Grauen: Entsetzen, meinem Mordsinn eng vertraut, Schreckt nun mich nimmermehr.“

Es ist an dieser Stelle erwähnenswert, dass der Macbeth-Darsteller des Ensembles aus St. Petersburg ein Ukrainer ist und die Inszenierung somit – vielleicht, ohne es explizit darauf anzulegen – eine aktuelle, politische Brisanz innehat. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet eröffnet sich daher ein weiter Interpretationsspielraum, den jeder Zuschauer jedoch für sich selbst definieren sollte. Wenn allerdings ein russisch-ukrainisches Ensemble mit einem shakespear’schen Klassiker ein aufwühlendes und originelles Gesamtkunstwerk auf die Bühne bringt, wird eines klar: Zumindest das Theater ist und bleibt ein magischer Ort, an dem Grenzen verschwimmen und die Gedanken frei, aber dennoch greifbar sein können.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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