Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Late Night

©Vassilis_Makris_blitz_Late_Night_29

Von Eugenia Portioli

Maria, Christos, Sophia, Fidel, Angeliki und Giorgos sitzen schon längst auf der Bühne, als wir  den Theatersaal betreten. Sie – die Schauspieler – schauen uns alle an, reglos. Langsam und laut nehmen wir Platz. Tanz-Musik spielt im Hintergrund. Die Bühne könnte das Wohnzimmer eines zerstörten Hauses sein. Was da sich noch entdecken lässt, sind ein Teppich, sechs Stühle, ein Ventilator und ein Fernseher, dort drüben versteckt in der Ecke. Ringsum nur Trümmer und Staub. Die Musik läuft weiter, wieder von Anfang an. Alles ist wie gefroren und scheint auf etwas zu warten. Das Publikum ist jetzt mal endlich auch still.
Licht aus. Licht ein. Ein hysterisches Gelächter. Walzer.

Das griechische Ensemble von Blitz Theater Group lädt heute Abend zum Tanzen ein.  Ja, denn es wird hier im wahrsten Sinne des Wortes UM ALLES IN DER WELT getanzt und erzählt. Von Paris, nach Antwerpen, von Berlin nach London, von Novi Sad nach Thessaloniki nimmt das zartbittere Weltuntergangsszenario von Late Night langsam Form an, einer Geschichte, die der Resignation, Bedauern, und doch auch der Liebe und der ewig ausdauernden Hoffnung darstellt.
Die sprachlos auf der Tanzfläche wirbelnden Figuren teilen kein Wort mit, jedenfalls nicht auf die direkteste Art und Weise. Wenn etwas gesagt werden muss, dann drängt man sich lieber zusammen hinter einem Mikrofon und rezitiert stillstehend. Wörter scheinen dennoch mit großer Schwierigkeit ausgesprochen zu werden. Rhythmisch und bezaubernd klingt die griechische Sprache in meinem Ohr nach. Diese Sprache, die ich jetzt so gerne verstehen möchte, eröffnet in mir unklare und doch interessante Umwege zu einer intimeren Einsicht. „Melancholie ist ein Luxus, Selbstmord ist verwerflich“ – lautet die deutsche Übersetzung auf der Leinwand.  Konzepte wie diese werden oftmals im Laufe des Stückes als brutale Mahnung wiederholt: In jenen Tagen, wo die Krise über alles beherrscht, darf man sich niemals der Trübsal hingeben, Angst zeigen, Mensch sein. Die Stimmen, die Musik, die Augen der Schauspieler kommunizieren jedoch etwas anderes. Sehr schön und tief traurig ist der Kampf jenes Menschen, der unbedingt menschlich in der Unmenschlichkeit bleiben will. Hand in Hand erzählen die Tänzer mit Tränen in den Augen von verlorenen Lieben, von dem ewigen Krieg, vom Tod und Ende der Menschheit.
Man fragt sich nun: Wozu ist das Erinnern an die Vergangenheit wichtig, wenn die alten guten Zeiten für immer verloren sind? Antwort: „Um sich von der Gegenwart und von der Zukunft zu befreien.“ Der Mensch, der sich am Rand des Abgrunds befindet, muss „Seiltänzer“ werden. Mensch-zu-sein ist die Balance, die man wieder finden muss.

Tief und brutal greift das Stück mit seiner apokalyptischen Inszenierung auf die tragischen Auswirkungen der heutigen Finanzkrise und auf den ökonomischen Zustand Europas zurück. Das Bedürfnis einer Veränderung, einer Revolution, lässt sich in jedem gesprochenen Wort und gewagten Schritt verspüren. Sprechen – und zwar laut und deutlich – ist letztendlich der ultimative revolutionäre Akt. Laut singen geht es in dem Sinne auch, denn zum ersten und einzigen Mal am Schluss des Stückes wird’s getanzt UND gesungen:

Lovers are strangers
There’s nothing to discuss
Hearts will be faithful
While the truth is told to someone else

When you look off
Tell me who you really love*

Love soll erzählt werden. „Wir, wir tanzen“ und zeigen, dass es noch etwas Schönes und Ewiges am Leben gibt und „solange die Musik spielt, werden wir nicht nachgeben.“ So tanzen alle weiter und schreien, dass die Liebe letztendlich die definitive Lösung sein muss.

So wünsche ich mir auch, dass ich es schaffe auf dem Seil zu tanzen und dass die Musik für uns alle weiter spielt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Februar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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