Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Dementia

Dementia_1Von Melis Günay

“Es dauert so lange, wie eine Wunderkerze brennt”. Auf der Bühne stehen sieben Personen mit Plastiktüten über ihren Köpfen. Mit jeder abgebrannten Wunderkerze fällt eine Person zu Boden. Unangenehme Stille macht sich unter dem Publikum breit, keiner weiß so richtig, ob das Stück hier zu Ende geht. Dann ertönt Musik. Die Darsteller stehen auf und fangen an zu singen, das Publikum fängt an zu klatschen.
Mit einem Stirnrunzeln und etwas überfordert gehe ich aus dem Theatersaal. Nachdem das Stück schon zu Beginn mit einigen Lachern loslegt, im Großen und Ganzen über die meiste Zeit humorvoll bleibt und durch den Operettengesang immer wieder aufgelockert wird, ist die gezeigte Thematik eine ernste:
“Wir müssen rationalisieren”. Ziemlich schnell hat sich der Leiter einer Budapester Klinik von dem Investor überzeugen lassen, seine dementen Patienten für gesund zu erklären und die Klinik zu räumen, um mehr Profit zu machen. Doch wohin mit den „Verrückten?“. Angelehnt an einem echten Vorfall in Ungarn wird auf der Bühne kritisch gezeigt, was überall vorkommen könnte.
„Solange die Gesellschaft störende Elemente eliminiert, bleibt sie unschlagbar. Was störende Elemente sind, entscheidet aber die Gesellschaft.“ Ich denke sofort an die von Foucault beschriebenen Heterotopien, Räume für Menschen im Krisenzustand. Doch was einen Krisenzustand ausmacht, bestimmt die Gesellschaft, bestimmt ein kollektives Wir.
Was aber jeder einzelne für sich bestimmen muss, ist, ob einem der Humor des Stückes liegt. Oft ist dieser nämlich vulgär und die Sprache ist mir persönlich häufig zu obszön. Besonders gut gefällt mir das Bühnenbild. Die Klinik ist detailgetreu auf der Bühne dargestellt, von innen schäbig und auch von außen verfallen. Die Filmelemente, mit denen auf der Bühne via live-Kamera gearbeitet wird, lassen das Stück zwischendurch wie einen Psychothriller wirken.
Mit der Krankheit Demenz, dem „Reich des Vergessens“, wie der Krankenhausleiter es beschreibt, habe ich mich schon auseinandergesetzt. Allerdings habe ich es nie mit dem Zustand einer Nation verglichen und schon gar nicht mit dem Ungarns. Der Vergleich zeigt mir, wie die Inszenierung zum aktuellen Zustand Ungarns steht:„Demente Kultur, Politik. Dementer Ministerpräsident. Es lebe die Demenz!“, ruft eine der dementen Patientinnen. Ungarn möchte also vergessen, nicht denken. Und es scheint keinen Ausweg zu geben.
Während die Metapher für mich immer deutlicher wird, wird das Stück immer absurder. Von einer dementen Patientin, die zu Beethovens No. 5 Blut aus dem Kühlschrank klauen will, bis zu dem Investor, dessen Zunge von einem Patienten abgeschnitten und von der Krankenschwester mit viel Gesang wieder angenäht wird.
Am Ende weiß ich nicht mehr wer gut und wer böse, wer verrückt und wer bei Sinnen ist und wer wirklich das Denken vergisst. Vergessen kann ich die Inszenierung jedenfalls nicht.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Februar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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