Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Common Ground

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Foto: Thomas Aurin

Von Anna-Maria Jarmula

„Ich habe das Gefühl, wir können nicht miteinander. Aber wir können auch nicht ohne.“

Am Anfang geht alles ganz schnell. Die Schauspieler zählen wichtige Daten und Fakten der 90er Jahre auf. Kurz, schmerzlos, sogar mit einem Lächeln. Wie ein immer schneller werdender Pulsschlag. „Steffi Graf gewinnt Wimbledon!“, „Erdbeben in Los Angeles!“, „Nirvana bringen ihr Album Nevermind raus!“, „Der Bosnienkrieg beginnt!“. Das Ensemble stellt die Geschehnisse in einer Kulisse aus Holzkommoden nach, während im Hintergrund flackernde Fernsehbilder an eine weiße Wand projiziert werden. Ich fühle mich reizüberflutet, komme kaum mit. Bis schließlich das Ende des Bosnienkrieges verkündet wird – und alle Schauspieler leise und fassungslos in den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Yael Ronens Inszenierung ist eine Reise. Eine Reise zu den Einzelschicksalen dieses Krieges, ein Pausieren dieser Schlagzeilen und Fernsehbilder, ein Zoom-In auf die Details, die im Nachrichtenstrudel untergegangen zu sein scheinen. Die Schauspieler spielen sich selbst – eine Gruppe, bestehend aus einer Israelitin, einem Deutschen sowie vier Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Berlin leben. Gemeinsam rekonstruieren sie auf der Bühne ihre persönliche Geschichte und ihre Beziehung zueinander – durch die Nacherzählung einer berührenden und gleichzeitig schmerzhaften Spurensuche in Bosnien.

Kinder von Tätern treffen auf Kinder von Opfern. Niels, der Deutsche, stellt Fragen, die sich sonst keiner zu stellen traut, weil sie unangenehme Details zutage fördern. Die Serben diskutieren mit den Kroaten diskutieren mit den Bosniern diskutieren mit … – bis die Diskussion um den Umgang mit Kriegsverbrechern an einer Hotelbar in Sarajevo schließlich in unverständlichem Geschrei endet.

Dabei waren und sind sie doch eigentlich alle Jugoslawen – auch wenn es den Staat so nicht mehr gibt. Oder? Als der aus Belgrad stammende Dejan zum besseren Verständnis seinen Familienstammbaum beschreibt, der seinen Ursprung in Sizilien hat und darüber hinaus fast alle ex-jugoslawischen Staaten abdeckt, fühle ich mich wieder wie im ersten Teil des Stücks. Ich merke, dass ich sehr wenig über diesen Krieg und seine Auswirkungen weiß. Aber ich bemerke auch, dass vor dem Krieg und dem Zerfall Jugoslawiens ein friedliches, herkunftsunabhängiges und sprachliches Neben- und Miteinander die Norm war. Mit dem Konflikt kamen die Grenzen – nicht nur an Land, sondern auch in den Köpfen der Menschen.
Und sie existieren sie bis heute, weit über die tatsächlichen Landesgrenzen hinaus.

„Zuhause ist etwas, das einem die Sicherheit gibt, nachts die Augen schließen zu können.“

Das Zuhause der vier Schauspieler aus dem ehemaligen Jugoslawien ist seit langem Berlin. Aus dem Boden gestampfte Nationalstaaten und die Gräuel des Krieges brachten sie hierher. Früher war Jugoslawien ihr common ground, nun ist es Deutschland. Ein Land, in dem die Krisenherde der Welt vom gemütlichen Sofa aus betrachtet werden können. Wenn man die Geschichten der Schauspieler hört, wird man nicht nur an die Nichtigkeit der first world problems, mit denen man sich so herumschlägt, erinnert, sondern unweigerlich auch an das aktuelle Weltgeschehen.

Ich verlasse den Theatersaal und bin beeindruckt. Beeindruckt von der subtilen und doch schonungslosen Offenheit der Schauspieler über das, was damals passiert ist und wie es heute noch ihr Leben beeinflusst. Die Tatsache, dass bis in die Gegenwart Hass und Feindbilder existieren, die durch den Krieg geschürt wurden, macht mich sehr nachdenklich. Aber ein Theaterprojekt wie Common Ground zeigt andererseits, dass es auch anders geht. Sowohl auf der Bühne, als auch im echten Leben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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