Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Bernstein

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Von Memet Ates

Kein zu hoher Optimismus. Kein zu hoher Pessimismus. Keine Ekstase. Nicht zu viel Sex. Keine zu hohen Blutdruckschwankungen. Keine ausgelassenen Partys. So in etwa lauten die Anweisungen des Arztes an seinen Patienten Gau Yuan.

Zu Beginn befinden sich nur die Schauspieler mit langen schwarzen Mänteln und Sonnenbrillen verteilt auf der Bühne und starren in alle Himmelsrichtungen. Eine Szene aus dem Film Matrix kommt mir in den Sinn. Ohnehin ist außer wenigen Betten und Stühlen kaum eine Kulisse vorhanden. Dennoch passiert es allzu oft, dass ich dazu zu verleitet werde, die übersetzten Texte auf den Anzeigetafeln so schnell wie möglich zu überfliegen, sodass ich meine Augen wieder auf die Geschehnisse auf der Bühne richten kann um nichts zu verpassen.

 „Die Vorschriften für einen Heiligen und einen Kranken sind dieselben“
Bei Gau Yuan handelt sich um einen arroganten Mann, der sich gerne mit dem System anlegt, um es auf die Probe zu stellen. Es ist ein Versuch die Grenzen des Machbaren zu erreichen, um zu sehen, wie weit man kommen kann. Das Leben ist eine Spiel- und Experimentierwiese. Doch es scheint so als könnte ein Dasein, welches aus Lügen, Betrügen und Bettgeschichten besteht, durch die Liebe einen Sinn erhalten.
Gau lässt sich von einem Dutzend Männern und Frauen einen Erotikroman zusammenflicken und möchte dadurch die Masse mit dem bedienen, was es am meisten will. Sex und Action. Es gelingt.

Doch wegen eines Herzversagens muss Gau eine Herztransplantation durchführen lassen. Anschließend trifft er auf in die schöne Shen Xiaoyou. Diese hat kürzlich ihren Verlobten bei einem Unfall verloren. Sie fangen an, sich ineinander zu verlieben. Als Gau dann erfährt, dass das Herz, welches ihm eingepflanzt wurde, von ihrem Verlobten stammt, zweifelt er an ihrer Liebe und will nicht mehr leben.

Durch eine clevere Nutzung und Kombination von Nebel-, Licht- und Schatteneffekten hat es kaum an Eindrucksvollen Szenebildern gemangelt. Dann waren da noch die auf und ab fahrenden Leinwände, die mal als Projektionsleinwand für Filmsequenzen und mal als Sichteingrenzung dienten. Sie haben für noch mehr Abwechslung gesorgt. Die klangvolle und dramatische Musik half die Ereignisse zu unterstreichen und Vorgänge emotional einzuordnen.

Yao Yaoyao: „Um die Welt zu verändern muss man berühmt sein“

Die Charaktere der Inszenierung, werden durch die super Schauspieler lebhaft, explosiv und überspitzt dargestellt. Mit Kostümwechseln, Kurzchoreographien und leidenschaftlichen Szenen wird unaufhörlich für Handlung gesorgt. Die ausdrucksvollste und markanteste Figur ist Yao Yaoyao. Sie soll als die Autorin des Sexromans verkörpern und die Verkaufszahlen durch anrüchige und anstößige Geschichten in die Höhe treiben. Es funktioniert. Sie ist ruhmgierig und egoistisch. Nichts ist für das Erreichen ihrer Ziele zu schade. Nicht einmal sie selbst. Ihren Ruf und ihr Ansehen tauscht sie zugunsten des Ruhmes willentlich ein. Bei ihr wird die gesellschaftskritische Haltung des Regisseurs Meng Jinghui besonders deutlich.

Das Coverbild, auf dem eine Frau und ein Mann unter Wasser abgebildet sind, versteht man wohl erst, wenn man sich das Ende der Inszenierung angesehen hat. Denn das Element Wasser taucht in dem Stück gar nicht vor. Es handelt sich vermutlich um Shen Xiaoyou und Gau Yuan. Gau hat aufgegeben und möchte nicht mehr weiter Leben. Er sinkt zu Grunde. Shen versucht Gau vom Leben zu überzeugen und ist sogar gewillt ihren eigenen Atem dafür zu Opfern…

Ich hätte mir unter chinesischem Theater etwas Anderes vorgestellt. Ich habe nicht damit gerechnet Elemente, die ich sonst nur aus Kung Fu Filmen kenne wieder zu erkennen. Besonders gefallen haben mir einige Slapstickmomente, über die man lachen konnte, selbst wenn man die Sprache nicht versteht. Ein weiterer Grund warum ich meine Augen nicht von der Bühne nehmen wollte.

Ansonsten wirken, die Personen aus der Inszenierung eher eindimensional und scheinen in ihren Rollen beschränkt zu sein. Sie verhalten sich so wie man es von ihren Charakteren erwarten würde. Die sich aufbauende Liebesgeschichte wirkt auf mich etwas klischeehaft und trägt wenig Inhalt. Dafür sind die Zitate und Weisheiten zwischendurch umso einprägsamer.

Yao Yaoyao: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die, die man liebt und die, die man hasst“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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