Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Afrika

Peter Verhelst

Von Eugenia Portioli

„Don’t fear the black man.“ Hab keine Angst, du kennst mich. ICH bin es, der Fremde. Und was DU siehst, ist nur einen nackten Körper, der deinem ähnelt. Wir spielen vielleicht verschiedene Rollen und doch wir, WIR sind immer noch eins.

Ich bin fassungslos. So tief beeindruckt von einem Theaterstück war ich lange nicht mehr. Fremdheit, Akzeptanz, Sehnsucht, Empathie: Darum und um vieles noch geht es in Peter Verhelsts Afrika, einem Stück, wo der talentierte Schauspieler Oscar van Rompay seine eigene Geschichte inszeniert.

In der Mitte des Theatersaals befindet sich eine kleine überhöhte Insel aus Steinen und Sand, wo man einen kleinen Wasserteich und sporadische Büsche erkennt. Diese Wüste-Insel scheint mir so weit entfernt, allein auf dem schwarzen Boden, wie schwebend. Über zwei Ebene erstreckt sich also die Bühne, denn sie steht für zwei getrennte Welten. Eine Entfernung zwischen Afrika und Europa, die sich unüberwindbar anfühlt.

Der Schauspieler Oscar bereitet nun sein intimes Spiel in dem Spiel vor. Er zieht sich komplett aus und betritt die Szene mit nichts anderem an als seinem nackten Selbst. Los geht’s. Schnell bemalt er seinen Körper mit schwarzer Farbe, um sich zu seinem kenianischen Alter Ego zu verwandeln. Eine fern klingende Stimme in voice over berichtet auf Flämisch. Ich lese die deutschen Übertitel, die auf eine hintere Leinwand projiziert werden, und versuche auf dem Laufenden zu bleiben. Es wird geschrien, getanzt, geweint und geduscht. Alles ist surreal. Mit schwarzer, roter und weißer Farbe beschmiert Oscar seinen hektisch bewegenden Körper, der kurz danach mit fließendem Wasser wieder sauber gewischt wird.

Pause. Jemand aus dem Publikum traut sich verlegen, zu klatschen. Ist es schon vorbei? Natürlich nicht. Der schwarz bemalte Kenianer tritt aus, der frisch geduschte Weiße zieht seine Klamotten wieder an und stellt sich lächelnd vor dem Publikum hin. Die Fiktion des Theaters ist gebrochen, die Hauptfigur inszeniert sich selbst. Mit einem atemberaubenden Monolog beginnt er von seinem Doppelleben als Schauspieler in Europa und als Manager einer Baumplantage in Kenia zu berichten. Er erzählt von der Sonne, der Landschaft und den schönen Frauen Kenias; von der Zwiespältigkeit seiner Seele und von dem erbitterten Kampf für die verlangte Integration. Auf dem schwarzen Boden steht jetzt ein gekleideter weißer Schauspieler, der kurz davor hemmungslos nackt getanzt hatte. Ein Mann, den ich plötzlich verstehen und irgendwie einordnen kann.

Warum aber jetzt nur? Inwiefern unterscheidet er sich so deutlich von seinem afrikanischen Doppelgänger? Die zwei sind doch dieselbe Person. Bewohnen sie nicht vielleicht denselben Körper? Ja und nein. Ich schäme mich, denn ich sehe, ich bin auch unbewusst von der Beschränktheit der Gesellschaft geprägt, in welcher ich aufgewachsen bin. „Don’t fear the black man“ – schreit Oscar –, denn das bin ich, das bist du, das sind wir. Sein Körper ist in Kenia nackt, und jedoch mit seiner Nacktheit irgendwie gekleidet, geschützt. Dieser Körper findet seinen Platz und die erwünschte Freiheit in der Fremde. Genauso nackt ist der Oscar Schauspieler, der auf der Bühne sich selbst ins Spiel setzt. Ohne Schutz, ohne Fiktion. Nackt und mutig hat sich allein einen Platz in seiner Welt durchgekämpft, die auch die Unsrige ist.

Großartiges Theater!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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