Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Kinder | Soldaten

Kindersoldaten003

Von Melis Günay

„Töten ist wie wenn man sich verliebt

“Eins, zwei, drei”, ruft einer der siebzehn Jugendlichen und die Hälfte seiner Gruppe zieht gemeinschaftlich an einem Seil. Noch bevor das Publikum sitzt, wird es von den jungen Darstellern abgeholt und landet in einer Szene, die zunächst ganz gewöhnlich scheint: Kinder, die Tauziehen spielen. Doch ehe ich mich versehe, landen wir von Spaß über Macht bei Krieg. Und das nicht nur in Worten.

Dass dieses Stück keine leichte Kost wird, hatte ich ja schon am Titel erahnt. Und tatsächlich: Es schockiert, ist laut, intensiv und dementsprechend bestimmt nichts für empfindliche Ohren oder schwache Nerven. Wer sich einen Abend lang belustigen lassen möchte, sollte sich das Stück nicht ansehen. Doch wer Lust auf etwas hat, dwas unter die Haut geht und berührt, für den lohnt sich das Wagnis, behaupte ich.

Zwischen Ernst und Spiel, mit Drahtgewehren und Trommelhölzern führen uns die zwischen zehn- und siebzehnjährigen Jugendlichen auf der kleinen Bühne durch das Leben eines Kindersoldaten. Wir erleben die Rekrutierung, den Kampf im Krieg und schließlich die Flucht nach Deutschland, die noch lange keine Gewissheit für Sicherheit bedeutet.

Sand, Matsch, Mehl, Wasser, Kunstblut und die schaurige Projektion von Liveaufnahmen einer Kamera. Das Bühnenbild und die Requisiten sind genauso abenteuerlich wie die Gefühlsreise, durch die mich das Stück schleudert. Während ich am Anfang noch über lustige Antworten auf seltsame Fragen lache, bekomme ich spätestens bei den ersten Tönen des Kindergesanges Gänsehaut. Entspannen kann ich nicht. Die kurzen ruhigen Szenen werden durch Geschrei oder Schussgeräusche unterbrochen und lassen mich zusammenzucken. Verstört staune ich über Daten des deutschen Waffenhandels. Und als mich die von den Jugendlichen vorgelesenen Zitaten ehemaliger Kindersoldaten in den Bann ziehen, muss ich mir sogar eine Träne verdrücken.

Das Thema „Kindersoldaten“ war mir vor der Inszenierung nicht bewusst. Das Stück hat das Thema für mich greifbar gemacht, weil gut vermittelt wurde, wie Gewalt entsteht. Dass Kinder aus Bremen Kindersoldaten aus Sierra Leone spielen, hat mir geholfen, mich ein Stück weit mit diesen Kindersoldaten zu identifizieren. Die Gefühle der Kindersoldaten waren mir nicht mehr ganz so fern.

Nicht nur ich atme erleichtert auf als das Stück uns mit einer spielerischen Rauferei und dem Lachen der Kinder in unsere komfortable Realität zurück schickt und der Achterbahn meiner Gefühle endlich ein Ende gesetzt wird. Denn das Stück geht nah. Vielleicht durch die physische Nähe der Spieler zum Publikum, die in der Garage des Thalia in der Gaußstraße entsteht. Vielleicht durch die Erkenntnis, dass die Jugendlichen auf der Bühne sich nicht stark von anderen, betroffenen Jugendlichen unterscheiden. Vielleicht durch die beeindruckend starken Stimmen und die verblüffend synchrone und kraftvolle Performance. Und bestimmt durch die Professionalität, die mich zwischendurch vergessen lässt, dass da Kinder vor mir stehen und mir zeigt, dass wir nur zu gern vergessen, dass dort Kinder vor uns kämpfen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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