Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt .

Eine (mikro)škonomische Weltgeschichte, Thalia

Foto: Krafft Angerer

Von Leyla Yenirce

hr Treibstoff ist nämlich die Angst.

Ein weißer kunststoffartiger Boden, grelle Lichter, knallbunte Farben. Die Bühne wirkt wie eine Supermarkt-Utopie, in ihr gefangen 50 Menschen in gelben T-shirts, pinken Hosen oder Türkisen Anzügen.

Franziska Hartmann eröffnet das Stück auf einer minimalistischen Bühne, ihr Monolog poetisch und abstrakt. Mit ihren Händen formt sie pantomimisch Zeichen, die ein Fenster, ein Monokel oder eine Schere zeichnen. Im Gegensatz zu ihren aufgesagten Gedicht, wirkt ihre Kleidung bestehend aus Jeans und rotem T-shirt einfach. Nach und nach betreten Menschen die Bühne und ahmen ihre Bewegungen nach.

Die Mischung aus neonfarbiger Ästhetik, wiederholenden Bewegungen und Masse aus Menschen wirkt manchmal gezwungen rhythmisch, an anderen Stellen gibt sie das Gefühl einer Ökonomisierung der Choreographie wieder; viele Menschen, die das gleiche zur selben Zeit auf engem Raum machen. Wie der Text mehrmals betont, wird man nicht selten an große Namen der Schulzeit erinnert, ob Adam „Schmidt’s“ Nadelfabrik, oder Karl Marx’s ökonomische Theorie. Theoretisch wirkt das Stück aber keines falls, eher wie eine Improvisation persönlicher Gedanken zu Ökonomie. Die vorgelesenen Texte der Menschen auf der Bühne offenbaren Gefühle der Angst und Unsicherheit in einer von Ökonomie gesteuerten Welt, der Chor musiziert aufbruchartig und melancholisch, die Choreographie wirkt mechanisch aber menschlich.

Der Pathos des subjektiven Angst vor der rücksichtslosen neoliberalen Weltökonomie kommt in den vielen menschlichen Praktiken zum Vorschein. Der Gesang des Chores bildet den Gegensatz zu den schnellen Abläufen der Menschen, wenn sie abspülen, kochen oder lesen. Die gefühlsbeladenen subjektiven Texten zeigen ein anderes Gesicht, als den des Arbeitenden, wenn er von seiner Schicht spricht. Eine (Mikro)ökonmie der Weltgeschichte wirkt wie ein Spiegel, der auf der Bühne nicht nur produziert, sondern getanzt, geschrieben, gesungen und dem Subjekt entgegengehalten wird. Das ist das wirtschaftliche System und auf der anderen Seite stehst du. Das Tanztheater aber auf reine Systemkritik zu reduzieren wäre falsch, in Rambert’s Stück geht es viel mehr um subjektive Wahrnehmung des einzelnen in der ökonomischen Masse. Wer bin ich, wenn ich nicht produziere? Was trage ich zur Gesellschaft bei, wenn ich nichts ertrage? Wie empfinde ich mich in unserem ökonomischen System?

Die knackigen neunzig Minuten sind schnell vorbei, was zurück bleibt ist ein Gefühl der poetischen Irritation und die Frage nach dem Mehrwert des Gesehenen. Was habe ich jetzt gelernt, was nehme ich mit aus dem Stück? Hat es gereicht, dass ich die Choreographie, Chormusik und unterhaltenden Schauspiel des Ensembles genoss, oder muss ich dabei noch etwas über  Systemkritik und Ökonomie gelernt haben. Hat sich die neun Euro-Jugendkarte für die Quantität und Qualität an Emotionen, die ich im Gegenzug erhielt, gelohnt?

Was im Kopf hängen bleibt sind jedenfalls Fetzen einer ökonomischen Reflexion; „Nichts ist so beständig wie die Veränderung“, „Es geht darum, Nachfrage zu erzeugen, die Begierden zu befriedigen“, „eine Pasacline war die erste Rechenmaschine erfunden von Blaise Pascal“, ein junger Mensch hat keinen Bock mehr auf sein Abi, die liebsten Gegenstände von fünfzig Menschen bilden das materielle Fundament einer Familie, dessen Haus versteigert wird und überall ist es grell. Die Aldi-Leuchten gehen erst aus, wenn an Himmel’s Tür geklopft wird. „Knocking on Heavons Door“ singen alle gemeinsamen und dann ist die Weltgeschichte vorbei.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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