Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt .

Eine (mikro)škonomische Weltgeschichte, Thalia
Foto: Krafft Angerer

Von Mona Li

Die Bühne des großen Hauses im Thalia Theater ist ganz weiß. Sie ist rein und unbefleckt.
Dann kommen viele kleine bunte Punkte auf. Es sind Menschen, keine Schauspieler, sondern Menschen wie du und ich. Mit bunten Farben bekleidet: Pinkfarbenes Shirt, blaue Jeans, zwei mal ein Anzug, einmal ein Outfit zwischen Legere und Business Casual- aber eher doch wie gewollt und nicht gekonnt und aus dem Kaleidoskop des Parketts betrachtet: trashy zeitloser shit, der in jeder Dekade unpassend aussehen wird.

Pascal Rambert erzählt in seinem Performance Projekt die Geschichte der Ökonomie und integriert dabei 30-50 Menschen von jung bis alt. Alle, die das System der Ökonomie begreifen könnten sind dabei: Vom 18-jährigen Abiturienten, über eine behinderte Frau im Rollstuhl bis hin zur Ü50 Esoterik-Frau.

Außerdem spielen vier Schauspielerinnen des Thalia Theaters mit. Formiert, im Quartett, nehmen sie jeweils Rollen der Geschichte ein und spielen die Ereignisse nach, die dazu führten, dass wir heute über die Entwicklung der Ökonomie in der Retrospektive sprechen können.
Die vier Frauen, die eigentlich Männer spielen (das liegt wohl daran, dass die Veränderungen, die wir heute als chronologische Ereignisse in der Geschichte der Ökonomie betrachten, von Männern ausgelöst worden sind),
versuchen uns auf groteske Weise Themen,wie die unsichtbare Hand des Marktes oder die Finanzkrise von 2008 zu erklären.

Sie machen Handbewegungen, ziehen in der Luft den Rahmen eines Fensters nach. Die Laien armen dies nach. Ich verstehe jetzt: Daher der Untertitel zu der mikroökonomischen Geschichte: “Getanzt”.

Sie spielen das Phänomen des Potlatch nach. Jeweils zwei Laien gehen auf einander zu, sie hüpfen, gleichzeitig, zehn mal, dann kommen die nächsten. Sie sehen dabei aus wie unbeholfene Fische, die nicht wissen, ob es Ihnen Spaß macht, hoch zu hüpfen, es aber einfach ohne zu hinterfragen tun.
Zu dem Zeitpunkt hat noch keiner Ahnung, was Potlatch ist.

An dieser Stelle ist es wichtig, den Moderator des Abends, Daniel Lommartzsch vorzustellen. Er spielt den Wirtschaftsphilosophen Éric Méchouland, der durch den Abend führen soll und das, was das Schauspiel dann wohl doch nicht genügend ausdrücken und illustrieren kann, erklärt er, mit seinen Worten. Er löst dabei das Geheimnis um Potlatch: Das Prinzip des Schenkens. Man schenkte sich damals in Polynesien Dinge, Feste, Gesten. Mit der Zeit und Volumen des Rück-Geschenks konnte Überlegenheit ausgedrückt werden. Und in diesem Eifer des Wettrüstens mit Geschenken ist es doch fraglich, ob so überhaupt Reichtum angehäuft wird. Wie denn, wenn kein Kapital angehäuft wird, bei dem ganzen Verschenken und Verschwenden.
Dann fragt er und ich gebe zu, das war doch philosophisch – dann mach es mal nicht so trocken: Vielleicht ist aber genau das der Reichtum?

Und ehe ich darüber nachdenken konnte, kam -zack- der nächste Übergang, meist durch Freeze, Lichtwechsel oder durch lustige Warteschleifenmusik.

Mittendrin war ich in einer Kneipenszene des 17. Jahrhunderts. Ein paar geladene Dichter trafen sich in einer verruchten Kneipe in Paris. Die Schauspielerinnen trugen aufgeklebte Bärte, sonst wo im Gesicht, sie waren renommierte Dichter. Einer schrieb ein Gedicht.
Ein Anderer, schrieb das Buch. Genau, das Buch. Daniel klärt im Nachhinein auf, dass dieser Dichter dieses Buch “das Buch” nannte. Wegen seiner Expertise und seines renommierten Namens schaffte er es, die Vorfinanzierung einzuführen. Keiner wusste, worum es in diesem Buch ging, trotz dessen investierten sie.

Ein weiterer Meilenstein in der Chronik des Wirtschaftens.

Traurig war das Bild des Pfandhauses: Eine US-amerikanische Familie sitzt vor ihrem Haus auf einer Couch. Sie sitzen zwischen dem Besitz, der einst ihr Eigentum war.
Die traurige Geschichten davon, wie Familien plötzlich alles verloren. Wie Dominosteine kippen die Laien und Schauspieler auf der Bühne nach und nach um. Dann liegen alle am Boden. Total Collapse of the Domino-Steins.

Aber was wollte mir Pascal Rambert denn jetzt genau sagen?Ich erwartete viel von dir. Vor Allem, weil ich Wirtschaft studiere. Aber du hast mich heute gar nicht zum Nachdenken gebracht. Genau zu dem Thema, über das ich in dieser Woche noch drei Klausuren schreibe werde.

Du sagst, man könne auch einen Schritt zurück gehen. Immerhin sei der Kapitalismus ja auch nur eine Form des Denkens. So wie der Realismus nur eine Art und Weise ist. Du sagst, wir könnten (Achtung Konjunktiv: alles nur rein hypothetisch) einen Schritt zurückgehen.
Und dann? Was könnten wir dann neu oder anders denken? Gib mir doch eine Antwort. Ein Satz. Ein Wort. Ein Etwas. Gib mir etwas Greifbares. Kapital, das ich bearbeiten und verwerten kann.
Oder vielleicht muss ich es so ausdrücken: Was sind die Hashtags von Pascal Ramberts Mikroökonomische Geschichte, getanzt?

Aber du bleibst still und lieferst mir lediglich ein Klopfen. Ein knock knock knockin on heaven’s door im Chor, mit Gitarre. Wie am Lagerfeuer einer Klassenfahrt. Und dann geht das Bühnenlicht aus.
Knock knock. Ende gut. Alles gut  (so wie es ist?).

Eins hast du geschafft: Ich sehe die Parallele zum Theater. Zur Ökonomie gehört auch der Begriff der Arbeit. Du stellst vor, dass einst der Gedanke aufkam, dass es sowohl produktive Arbeit als auch unproduktive gab. Produktivität funktioniert so wie ein Uhrwerk.
Wenn die Bühne ein Instrument und damit ein Mittel zum Zweck wäre und dieser Zweck die Produktivität, dann frage ich mich, wie kann ich denn den Mehrwert im Gut, also im Stück messen?
Du hast es wunderschön gemacht. Eine Masse von Individuen als sie Selbst mit Ihren eigenen Texten zu integrieren. Es war nie unpassend. Jeder sprach. Mal mehr, mal weniger. Alle bewegten sich. Konform, frei, selbstverständlich. Ästhetisch.
Solch eine Integration und Harmonie von so vielen Menschen auf der Bühne ist selten. Sehr schön. Es funktionierte so schön, wie ein Uhrwerk.

Ich wünschte mir allerdings, dass das Uhrwerk nicht funktionierte. Ich wünschte mir Disharmonie. ich wollte keine stringente Inszenierung von Ereignissen, die dazu führten, dass wir den Kapitalismus so selbstverständlich einatmen, wie die Luft, die uns umgibt, zum Leben.

Tag täglich stecke ich in meiner eigenen kleinen Kapitalismus Debatte mit mir selbst fest.

Ich wollte, dass du mir sagst, warum wir nur als Sumoringer überleben und schon lange keine Angler mehr sind.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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