Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Lücke

Die LückeVon Özlem Alagöz-Bakan

„Ich habe mich kaum je unter den Menschen so fremd gefühlt als gegenwärtig, oder ist es eine Täuschung durch Vergessen? Das Schlimmste ist, daß nirgends etwas ist, mit dem man sich identifizieren kann. Alles brutal und verlogen.“ Albert Einstein

ICH – MITTEN IN DER LÜCKE
Ich bin nachdenklich, traurig und zutiefst erschüttert. Ich gehe raus und weiß nicht wohin mit meinen Gedanken. Fragen über Fragen und keine Antworten. Wie konnte so etwas passieren? In welch einer Welt leben wir? Ist das meine Welt? Was wollen wir? Wohin gehen wir?
Mein Weltbild ist zerstört, mein Herz gebrochen…

EIN TAG – EINE WAHRHEIT
Am 9. Juni 2004  kam es zum sog. Nagelbomben-Attentat in der Keupstraße. Die Straße in Köln-Mülheim ist eine belebte Straße mit vielen türkischen Geschäften. Bis zu dem Attentat, wo 18 Menschen verletzt wurden, lebten die Bewohner dieser Straße im friedlichen Miteinander. Nach dem Attentat war nichts mehr so wie früher. Angst vor einem neuen Attentat breitete sich aus. Für Trauer schien kein Platz zu sein. Die Bewohner waren Jahre lang Verhören und Verdächtigungen ausgesetzt. Die Täter lebten nicht unter ihnen. Mit dieser Ungewissheit mussten die Bewohner sieben Jahre leben. Erst 2011 stellte sich heraus, dass für dieses Attentat auch die NSU verantwortlich war.

WIR – DIE LÜCKENLOSEN
Das Bühnenbild scheint geradezu perfekt durchdacht zu sein. Zwei weiße drehbare Halbkästen stehen sich gegenüber. Die Lücke zwischen diesen Halbkästen ist unübersehbar. Keine Brücke verbindet diese Lücke, wie man sich das vielleicht wünschen würde, sondern lediglich eine einzige Straßenlaterne steht zwischen diesen „Welten“. Auf der linken Seite der Lücke sitzen drei gut gekleidete deutsche Schauspieler und beobachten die „Anderen“ auf der rechten Seite – drei Laiendarsteller aus der Keuptstraße – Ismet, Ayfer und Kutlu. Die drei deutschen Schauspieler philosophieren zunächst über den Titel des Stücks. Für was steht die Lücke?
–    Eine Lücke in den Weltanschauungen?
–    Einen Riss zwischen Wunsch und Wirklichkeit?
–    Das Fremdsein?
Sie fragen sich, ob es notwendig ist die Lücke zu schließen.  Wie soll man damit umgehen, dass sich die Parallelwelten sich gegenseitig nicht aushalten sollen?
Die beiden Seiten fangen an, miteinander zu kommunizieren. Mal auf der einen Seite, mal auf der anderen Seite. Die deutschen Schauspieler machen den ersten Schritt, sie versuchen die „Anderen“ besser kennenzulernen. Trotz der ersten Schwierigkeiten, die Namen der „Anderen“ auszusprechen, scheinen die ersten Annährungen erfolgreich zu sein. Man versucht sich zu verstehen oder doch nur seine Vorurteile zu bestätigen? Die Stimmung scheint ab und an zu kippen. Die deutschen Schauspieler ertappen sich immer wieder dabei, dass sie über die „Anderen“ nur werten. Sie spüren, wie mit ihren Vorurteilen, trotz des Wunsches, die „Anderen“ zu verstehen, der Riss tiefer und unklarer wird.

DIE ANDEREN – DIE SPRACHLOSEN
Nuran David Calis gibt den drei Einwohnern der Keupstraße auf der Bühne Raum, sich vorzustellen und zu sprechen. Sprechen über das, was ihnen wiederfahren ist und was es heißt, ein Bewohner der Keupstraße zu sein. Es wurde viel über das Attentat und die Bewohner in den Medien spekuliert. Es werden Zeitungsberichte verlesen, die immer wieder die Opfer in einem schlechten Licht erscheinen lassen: Drogenmafia, organisierte Kriminalität, Schutzgeld, Geldwäsche.  Auch das Ermittlungsverfahren wird rekonstruiert und es wird offensichtlich, dass diese auch lückenhaft sind. Opfer werden zu Tätern, Täter zu Opfern. So einfach war doch die Wahrheit. Wieso noch weiter suchen, wenn das Urteil schon gefallen ist.

ICH STEHE MITTEN IN DER LÜCKE
Ich hatte sehr viele persönliche Gedanken zu dem Stück, und ich hatte sogar Angst, danach über dieses Stück zu schreiben. Wenn die Menschen in der Keupstraße vom Verfassungsschutz abgehört wurden, weil sie für die Polizisten viel stärker Verdächtige als Opfer waren, gefährde ich mich, wenn ich über dieses Stück schreibe? Man sollte doch keine Angst haben müssen, weil man anders ist als jemand Anderes. Außerdem habe ich mir gedacht: Mein Vater hätte auch Opfer eines solchen Attentates werden können, oder ich. Die Willkür der Täter ist für mich erschreckend, ebenso wie ihre Ansicht, dass Türken offensichtlich keine Menschen für sie sind, sondern nur ein Feindbild.
Aber ich kenne auch selber die Lücke, die durch Vorurteile entsteht: Ich wurde auch schon für mein gutes Deutsch gelobt, obwohl ich hier geboren bin. Ich nehme das mittlerweile aber nicht mehr persönlich. Andererseits merke ich auch, dass ich manchmal Vorurteile gegenüber dem Anderen habe.

EINE LÜCKE IN UNSEREN HERZEN
Calis ist etwas Großartiges gelungen, er hat mich und alle anderen Zuschauer in Hamburg abgeholt und mitten in das Herz der Kölner Keupstraße gebracht. Calis kritisiert die Ermittlungsbehörden und das taktlose Vorgehen gegenüber den Bewohnern der Keupstraße. Die Lücke ist das Sprachrohr der Sprachlosen und der Spiegel unserer Gesellschaft. Die Message wird deutlich, keiner von uns ist unschuldig. Wir sind Sklaven unserer Gedanken, voller Vorurteile gegenüber dem  „Anderen“, dem „Fremden“. Die Lücke hinterlässt einen Riss in unseren Herzen.

Die Lücke von Nuran David Calis (auch Regie) ist am 26. Januar um 19.45 im Thalia in der Gaußstraße zu sehen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
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