Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Das schweigende Mädchen

Das schweigende Mõdchen 11Von Eugenia Portioli und Linda Pham

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht … Oder? Nein. In Das schweigende Mädchen von Elfriede Jelinek sind Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Wahrheit und Verleugnung unmöglich voneinander zu trennen. Die Inszenierung von Johan Simons befasst sich nämlich mit dem schwierigen Thema des NSU-Prozesses in München und der großen medialen Resonanz seiner Gerichtsverhandlung, die seit Mai 2013 immer noch für Empörung sorgt.

Auf einer Erhöhung der Bühne sind mehrere „Gebäude“ zu sehen. Links und rechts „Seynshaus West“ bzw. „Seynshaus Ost“. In der Mitte das „Konservatorium“ und parallel dahinter das „Erbschaftsamt“ in Frakturschrift, schnell zu verbinden mit der rechten Szene.
Die Bühne ist dunkel. Reglose Musiker bleiben still. Plötzlich betritt ein Mann die Szene mit einer Taschenlampe in der Hand und spricht das Publikum direkt an. Seine Wörter brechen die Stille wie Kanonen. Licht an, Licht aus: Die Bühne bleibt dunkel, undurchschaubar. Die Musiker sind noch still. Der Mann redet wie besessen, denn es wird gerade das Unaussprechbare ausgesprochen.

Unter den Erhöhungen sitzen in einer Reihe 7 Personen. In der Mitte der Richter. Dabei sind auch Angeklagte, Zeugen sowie die Jungfrau Maria zusammen mit schwarz gekleideten Engeln und einem schweigenden Jesus, mit schulterlangen blonden Haaren im weißen Gewand. Stopp!: Jesus? Wie? Genau. Biblische, mediale und literarische Stimmen mischen sich ein und inszenieren eine polyfonische groteske Show. Es ist alles nur Dissonanz!

Eugenia: Linda, ich denke, wir haben den Faden wieder verloren: Wo ist denn DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN, Beate Zschäpe, die hartnäckige Leugnerin? Wofür soll die Figur der Jungfrau Maria stehen? Und die Propheten? Und Jesus? Und warum lesen die Schauspieler den Text nur so vor? Es scheint so, als ob die Wörter wie fremde Objekte frei im Raum losgelassen seien, als ob sie niemandem gehören würden. Als ob niemand dafür die Verantwortung tragen möchte.

Linda: Ich gehe aus dem Stück mit verwirrten Gedanken. Klar ist, dass es sich um den NSU-Prozess handelt und der Titel eine wichtige Komplizin (Beate Zschäpe) darstellt. Trotz allem werden sehr viele Ebenen angesprochen, die den Brei undurchschaubar machen. So finden hier Engel, Propheten, die Jungfrau und ein Jesus eine Rolle. Die werden jedenfalls deutlich erwähnt, doch hat man das Gefühl, dass diese Einteilungen immer wieder gewechselt werden. Es hallen die Stimmen Zschäpes Eltern, der Medien und der Gesellschaft im Raum. „Wir haben nichts davon gewusst“…

Eugenia: Der Richter sucht sich vergebens einen Weg durch die Widersprüchlichkeit der Aussagen, auf dem ‚heiligen deutschen Boden‘ wird weiter gelogen und geschwiegen. Dieses Schweigen tut weh, das spürt man auch im Theatersaal. Es ist unerträglich. Ich höre es, ich sehe es. Die Leute um mich herum husten, bewegen sich unruhig auf ihrem Sitzplätzen und im schlimmsten Fall verlassen sie den Saal. Wegschauen anstatt ausdauern. Das unausgesprochene deutsche Wort des Einheimischen gegen die unerhörte fremde Verteidigung.

Linda: Durch diese vielen Aspekte macht es die Wahrheitsfindung des Ereignisses sowie die des Richters desto schwieriger. Der Prozess ist nur noch eine schwammige Masse, verliert jedoch nicht an Klarheit, da es von Anfang an nie klar war. Aber vielleicht soll das Stück eben diesen Punkt reflektieren. Wenn die Wahrheit irgendwann nicht mehr wahr scheint.

Eugenia: Ich bleibe sitzen und ich bin froh. Ich bin froh, weil ich langsam verstehe, dass die Inszenierung mich herausfordern will. Ich bin froh, dass ich gar nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Ich stelle das Theater und mich selbst in Frage und zweifle an jedem einzelnen Wort, das ausgesprochen wird. Und jetzt, je mehr ich über den tollen Abend schreibe desto deutlicher kann ich das Stück für mich richtig einordnen. Schön ist das Theater, das verstanden werden will. Mutig sind die Zuschauer, die provoziert werden wollen!

Linda: Erleichtert war ich darüber, als ich beim Verlassen des Saales einen älteren Herren höre, der seiner Gefährtin erzählt, er habe das Stück nicht verstanden. Es liegt also nicht an meinem Alter. Auf der anderen Seite habe ich mich auch nie in diese Thematik reingelesen, obwohl es mich als Ausländerin sehr wohl was angeht. Dieses 2-stündige Stück hat also doch was Gutes. Es reizt mich dazu an, mich mehr darüber zu informieren, da ich doch selbst auch gefährdet bin, war … man weiß es nicht.

Das schweigende Mädchen von Elfriede Jelinek (Regie: Johan Simons) ist am 25.1. um 19 Uhr noch einmal zu sehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Januar 2015 von in Allgemein, Lessingtage.
%d Bloggern gefällt das: