Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Gertrud

"Gertrud" Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Phuong Ngoc Nguyen Le

Im Grunde passiert nicht viel in Eirik Stubøs Version von Hjalmar Söderbergs „Gertrud“: Vier Menschen sitzen oder stehen und unterhalten sich. Meistens schauen sie sich nicht direkt an, sie sitzen voneinander abgewandt, drehen sich den Rücken zu, schauen aneinander vorbei, zu körperlichem Kontakt kommt es nur selten. Als Requisite dienen drei Stühle, ein Klavier und ein Tisch mit Champagner  – es bleibt also viel Raum für Distanz und das Gesprochene. Und gesprochen wird viel in den knapp zwei Stunden, in deren Verlauf deutlich wird, dass diese vier Menschen trotz der vielen Worte sich nicht verstehen. Dabei sprechen sie doch über nichts Geringeres als über das stärkste Gefühl, zu dem der Mensch fähig ist – die Liebe. Oder besser gesagt, über das Scheitern ihrer Liebe. Die Hauptfigur Gertrud verlangt die bedingungslose Liebe, ohne jegliche Kompromisse. Doch für ihren politisch erfolgreichen Ehemann ist sie lediglich die „Frau an seiner Seite“, der ehemalige Geliebte hat zu spät die Bedeutung ihrer Beziehung verstanden und der junge Liebhaber sieht in ihr nichts anderes als ein unverbindliches Abenteuer. Enttäuscht von der Liebe wählt Gertrud schließlich ein einsames aber selbstbestimmtes Leben in der Ferne.

Nach dem Stück dachte ich lange nach über Gertrud, die Bedeutung von Liebe und mein eigenes Scheitern. Warum entschied sich Gertrud für ein Leben in Einsamkeit? Warum sucht sie nicht weiter? Gibt es diese Form von bedingungsloser Liebe etwa nicht? Ich zog auch mit meinen vergangenen Beziehungen vor Gericht und stellte fest, dass auch sie an der Diskrepanz unserer Vorstellungen von der Liebe gescheitert sind.

Aber ist es wirklich so naiv zu glauben, dass auf jeden von uns das große Glück wartet? Sind wir so sehr geblendet von Schnulzliedern und Hollywood, von unserer Disneyauffassung von Liebe? Erwarten wir nicht einfach zu viel von ihr? Sind dann Menschen wie Gertrud nichts anderes als hoffnungslose Romantiker, die an ihrem eigenen Absolutheitsanspruch an der Liebe untergehen?

Ich kenne keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen, nur meine eigene subjektive Lösung. Und auch, wenn es sein mag, dass ich mir etwas vormache, und selbst wenn es in meiner erstaunlichen Gabe, Negatives zu verdrängen, begründet ist, so möchte ich doch wie Gertrud niemals aufhören zu hoffen und zu suchen und zu träumen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Dezember 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
%d Bloggern gefällt das: