Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Gertrud

"Gertrud" Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Mazlum Nergiz

Unsere Vorstellung davon, wie eine erfüllte Liebe zu erreichen und leben ist, wird sich sicherlich von 1906 bis heute wesentlich verändert haben. War es um die Jahrhundertwende noch immer die durch Staat und Kirche besiegelte Institution der Ehe, die jeder Beziehung den Status eines öffentlich anerkannten Bündnisses verliehen hatte, wird diese heute so häufig geschieden wie noch nie zuvor. Die Ehe konnte aber das Versprechen von Liebe, Sicherheit und Vertrauen schon 1906 der Protagonistin Gertrud aus Hjalmar Söderbergs gleichnamigen Stück nicht mehr bieten.

Die ehemalige Sängerin Gertrud lebt schon längst unglücklich mit ihrem Mann Gabriel zusammen. Nachdem Gabriel ins Kabinett der Regierung berufen wurde, will er ihr die Idee schmackhaft machen, in Zukunft als Frau des Ministers an seiner Seite auftreten zu können, doch diesen weiteren sozialen Aufstieg dankt ihm Gertrud mit der Trennung. Sie liebt ihn einfach nicht mehr. Das kommt noch in den besten Familien vor, doch haben sich die beiden damals bei ihrer Hochzeit versprochen, den anderen gehen zu lassen, sollte das erbarmungslose Rad der Zeit den Weg der beiden nicht mehr gemeinsam ebnen. Auf diese kluge Vereinbarung, die nur davon zeugt, dass ein bombensicheres Versprechen in der Sache der Liebe meistens nichts taugt, beruft sich nun auch Gertrud, gespielt von Maja Schöne.

Die Flamme ihrer Künstlerexistenz scheint noch nicht völlig erloschen und um sie zu bewahren, hat sie sich schon in die starken Armen des jungen Musikers Erland begeben und erhofft sich von ihm das, was ihr Mann Gustav und der ehemalige Geliebte Gabriel nicht bieten konnten: Die bedingungslose Liebe. Ihr Wunschdenken von dem sich in zweisamer Ekstase völlig aufopfernden Liebespaar, das gleichzeitig die Welt durch Kunst begreift und vor ihr flieht, hat sich wie eine Zecke an die melancholische Gertrud geklemmt und saugt an ihr, bis ihre der Realität nicht standhaltenden Illusionen in den Sumpf der Depression hineinfließen. Denn mehr als eine kurzweilige Affäre ist die wunderschöne Gertrud für ihn auch nicht, wovon sie leider von ihrem Verflossenen Gabriel erfahren muss, der zuhören musste, wie Erland in aller Öffentlichkeit mit der Eroberung der begehrten Dame herumprahlt. Am Ende sind alle in diesem Dreiakter so leer gebrannt in ihrem Trieb nach panisch zu verwirklichender Selbstbestimmung, dass außer dem Drama der nicht funktionierenden Liebe nichts mehr bleibt. Der norwegische Regisseur Eirik Stubø inszeniert diese Psychologien der Enttäuschung durch ein distanziertes Spiel, in dem Gertrud und ihre Männer sich fast nie ins Gesicht blicken können und ins Publikum reden, als ob sie das Leid des anderen nicht ertragen könnten. Mit einem nur aus drei Stühlen und einem Klavier bestehenden Bühnenbild schaffen sie es dennoch, den großen Raum mit der Geschichte zu bespielen.

Söderbergs Drama wird heute nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie beispielsweise Ibsens Nora geschenkt, das immer noch eines der bedeutendsten dramatischen Beiträge zur Emanzipation der Frau ist. Anders als Nora, die selbstbestimmt ins Unbekannte zieht nachdem sie das Scheinglück ihrer Ehe durchschaut hat, ist Gertrud völlig desillusioniert von der Welt, für die sich zu alt und unverstanden fühlt. Stubø schafft es mit seiner Inszenierung in der Gaußstraße jedoch auch nicht, sich diesem grausamen Moment zerfallender Systeme anzunähern und verfällt durch seine texttreue Umsetzung in einen Anachronismus, der die Geschichte aus der Perspektive von 1906 zwar einfängt, doch sich nicht fragt, was das Bestreben nach Unabhängigkeit und Anerkennung in Zeiten konstanter Selbstverwirklichung mit uns heute bewirkt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Dezember 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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