Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Gertrud

"Gertrud" Thalia TheaterFoto: Krafft Angerer

Von Leyla Yenirce

Liebst du mich? Ich liebe dich nicht. Liebst du mich? Ich liebe dich. Ich habe bereits geliebt. Hast du mich je geliebt? Es sah ja nach Liebe aus.

Nach zwei Stunden Definitionsjagd war ich mir nicht mehr sicher, ob die Charaktere tatsächlich der Frage nach der wahren Liebe wegen ständig über jenen Begriff sprachen oder ob es mehr um Rechtfertigung, Unsicherheit und Selbstmitleid ging.

Gertrud, eine Frau, die zwischen drei Männern steht, die eine Brücke schlagen; ein Mann ist der Mann ihrer Vergangenheit, der andere ist ihr jetziger Noch-Ehemann der Gegenwart, der anderer ihr gewünschter Mann, beziehungsweise junger Mann für die Zukunft. Klingt ein wenig verworren, ist es auch. Denn die ganze Zeit geht es um die eine Frau – Gertrud -; was Gertrud aber eigentlich beschäftigt, ist der Ausbruch aus festgefahrenen Beziehungsstrukturen. Nehme ich an, bin mir aber am Ende nicht sicher, wie emanzipiert Gertrud wirklich ist.

Auch wenn ihr junger Lover Erland sie als Frau mit zu „stolzer Seele“ beschimpft, hat Gertrud noch einiges zu tun, um sich als selbstständige Frau zu behaupten. Dabei muss man ihr ihre jetzigen Versuche trotzdem hoch anrechnen. Sie schafft es, aus ihrer konventionellen Ehe auszubrechen, ihre Entscheidungen nach eigenen Gefühlen zu treffen und sich dabei irgendwo ein kleines Stück Freiheit zu erkämpfen. Trotzdem macht sie einen entscheiden Fehler; Sie legt ihr neues Glück wieder in die Hand eines neues Mannes, der jung und ungehalten Gertruds Ansprüchen an die Liebe nicht gerecht wird. Denn Gertrud hat auch Konventionen, die sie anderen auflegt, obwohl sie sich selber aus den Ketten anderer befreit.

Also doch ziemlich sprengstoffhaltiges Gedankengut für ein Stück, dass vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Die Bühne ist jedoch weniger bombastisch. Minimal: drei Stühle, ein Piano, ein Tisch mit Schampus und Sektgläsern, die Männer überwiegend fein und schwarz gekleidet, Gertrud in einem beigen, figurbetonenden und sinnlichen Kleid. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es ein wenig glitzert. Sie sieht sehr natürlich aus, ohne BH und viel tamtam. Ihre Haare sind locker nach hinten gebunden, ihr Blick stets ein wenig ernst, versehen mit einem Hauch Apathie und Abgeklärtheit. Die Videoprojektionen zeigen ihr Gesicht, ,mal groß von der Seite, passiv auf einem Stuhl sitzend oder mit zehn verschiedenen Gesichtsausdrücken gleichzeitig. Ein „Eye-catcher“ im ruhigen Bühnenbild.

Gertrud ist cool, wie sie alle weinerlichen und aufgebrachten Männer im Laufe des Stückes selbstbewusst abweist. Das Stück zeichnet ein interessantes Geschlechterbild, in dem die Männer von außen oft stark aussehen und gemacht werden, wie Gertruds Ehemann; er wird Minister und trägt stets einen feinen schwarzen Anzug. Von innen scheinen diese Männer aber ziemlich schwach zu sein: „Mutti ist die einzige Frau in meinem Leben“ ruft eben jener Anzugträger. Gertrud hingegen sieht sexy aus, manchmal fast zerbrechlich in ihrem beigen Kleid, das sie barfüßig trägt. Im Stück selbst ist sie aber der stärkste und eigenständigste Charakter, den sie nicht zuletzt durch den Mut zum Ausbruch und ihrem Drang nach Selbstständigkeit beweist. Am Ende ist Gertrud allein und weiß nicht, wie es weiter gehen soll, aber das wird sie wahrscheinlich meistern. Mit den Männern der Vergangenheit hat sie jedenfalls abgeschlossen. Ihr weiterer Weg bleibt ungewiss.

Der unkonventionelle Inhalt Söderbergs kam auf der Bühne aber leider eher monoton daher; die Inszenierung drehte sich im Kreis, die Dialoge wirkten gegen Ende repetativ. Gertrud wirkte gegen Ende leider etwas müde. Aber vielleicht war sie es ja wirklich. Müde von Definitionen der Liebe, die andere ihr auflegen, genau so wie sie versucht sie anderen aufzulegen, genau so wie viele versuchen sie irgendwem aufzulegen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Dezember 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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