Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Deutschstunde

"Deutschstunde" Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Kadija Dastager

„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen“
Siegfried Lenz

Einer seiner bekanntesten Geschichten – “Deutschstunde“ – wurde mit viel Spannung erwartet und hatte heute Abend im Thalia Theater endlich Premiere, schließlich war Siegfried Lenz erst vor Kurzem verstorben und viele Theatergänger waren gekommen um dem „sanften Rebellen“ die letzte Ehre zu erweisen.

Bis auf die drehende Bühne und der Einspielung einer Arie (welche ich als Opernlaie nicht identifizieren konnte) wird kein technischer Schnick Schnack verwandt. Das Bühnenbild ist minimal gestaltet, ein in sich geschlossener Holzraum, der knarrt und an ein Schiff erinnert und indem die Darsteller hin- und herrutschen, liegen und die Wände hochkrabbeln. Es gibt keine anderen Requisiten, Farbe wird kaum verwendet. Lediglich der grüne Pullover von Siggi und die rote Unterwäsche von Hilke stechen in dem Grau in Grau des Bühnenbilds und der Kleidung der zwei Hauptdarsteller, die sich bewusst in Figur, Statur, Frisur und Kleidung ähneln, hervor.

Das Bühnenbild steht sinnbildlich für den Raum der Erinnerungen von Siggi, der auf der Elbinsel Hanöfersand in einer Art geschlossener Erziehungsanstalt einsitzt und mit einem Feuerzeug in sein Gedächtnis leuchtet, um sich an die Geschehnisse zwischen 1943-1945 in Rugbüll, seiner Heimat zu erinnern.

Da das Bühnenbild so simpel ist, kommt neben der Erzählung und dem Spiel, auch der Erzählweise eine besondere Bedeutung hinzu. Um zu verdeutlichen, dass Siggi seine Geschichte aus seiner Erinnerungen heraus niederschreibt bzw. im Stück vorträgt, schneidet der Regisseur Johan Simons einzelne Szenen aus Siegfried Lenz’ Roman heraus und lässt die Darsteller diese vorsagen ehe sie in die Ich-Person übergehen, dadurch verkürzt der Regisseur den Roman, der immerhin fast 600 Seiten fasst, in eine Inszenierung die zwei Stunden dauert.

Das Hauptaugenmerk dieser Inszenierung liegt natürlich in der Pflicht, die in Siggis Vater, dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen Besitz ergriffen hat. Er ist von der Pflicht gegenüber dem NS-Regime so zerfressen, dass er die Pflicht gegenüber seinen Kindern, Siggi, Klaas, Hilke und seinem Jugendfreund dem Maler Max Ludwig Nansen, der einmal sein Leben gerettet hat, vergisst.

Der 21-Jährige Siggi leuchtet also mit seinem Feuerzeug in seine Erinnerung und wickelt so die Schicksale seiner Familie und des Malers Nansen, die untrennbar miteinander verbunden sind, Stück für Stück, wie ein Wollknäuel auseinander. Die Eifersucht des Vaters auf den Maler Nansen, der an Emil Nolde angelehnt ist, tritt nicht so stark hervor wie eben diese Pflicht, die sogar über den Krieg hinausgeht, auch das Mitläufertum spielt keine Rolle.

Das Pflichtgefühl des Vaters hinterlässt Kollateralschäden an Hilke und ihrem Verlobten Addi, der aufgrund seiner Krankheit Epilepsie,  aus Siggis Erinnerungen verschwindet und damit auch von der Bühne fällt; seinem Bruder Klaas, der sich verstümmelt um nicht in den Krieg zurückzukehren zu müssen und damit vermeintlich große Schande über das Elternhaus bringt und sogar an der absolut passiven Mutter, die meistens mit dem Rücken zum Publikum steht und damit ihre Rolle in diesem Familienschicksal deutlich macht.

Das zurückhaltende, beengte  Bühnenbild gibt umso mehr Raum für die Erzählung des Schriftstellers. Die Kraft der Geschichte und das Spiel der Schauspieler ist mehr als ausreichend um das Publikum zwei Stunden in den Bann zu ziehen, man bleibt am Ball und wird in den Bann gezogen. Nach der Vorstellung herrscht deswegen erstmal Stille, zu intensiv ist die Beziehung zwischen Publikum und Bühne und man fragt sich, nach dem Zusichkommen, ob 46 Jahre nach Erscheinen des Buchs ein derartiges Pflichtgefühl in der heutigen Zeit noch möglich ist.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. November 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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