Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Deutschstunde

"Deutschstunde" Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer

Von Jennifer Krüger

Wenn man sich als erwachsener Mensch hinsetzt, um sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, passiert es schnell, dass einem Erinnerung und Schmerz den Boden unter den Füßen wegreißen. Besonders, wenn man im Weltkriegsdeutschland aufwächst. In diese Zeit führt uns Siegfried Lenz in seinem Roman „Deutschstunde“ und Johan Simons in seiner Inszenierung.

Siggi Jepsen fühlt sich erdrückt von der Masse seiner Geschichte, als er an seinem Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ losschreibt. Allein in seiner dunklen Zelle der Jugendstrafanstalt Hannöversand beginnt er 1954, die Ecken seines Innenlebens und die Beziehungen zu seinen Familienmitgliedern auszuleuchten.
Jörg Pohl spielt sich durch Siggis Meer der Erinnerungen. Er wühlt unruhig herum am Seeboden dieses Meeres, findet keinen Halt und wird herumgeschleudert von den Traumata und Komplexen seiner Familie. Allmählich lernen wir die Mitglieder dieser kennen und bekommen einen Einblick in das Innere seelisch verstümmelter Menschen.

All dies geschieht auf einer Spielfläche, die keinen Halt gibt, keine Chance zur Entspannung. Das Bühnenbild von Bettina Pommer besteht aus drei geneigten Flächen, die die Schauspieler zur ständigen Anspannung zwingen. Sie klettern und rutschen auf den Flächen, fallen manchmal fast herunter und liegen schlaff an den Stellen, an denen es die Schwerkraft erlaubt. Der Einsatz dieser einzigen Requisite, Lenz‘ Sprache und ihre unsichtbaren Bilder reichen aus, um zu berühren.
Mir ist schwer, als ich den Theatersaal verlasse. Ich denke später an meine Großmutter, die kurz nach dem Krieg in Polen geboren wurde. Wie Siggi ist sie unfrei vom Krieg. Im Gegensatz zu ihm hatte sie in ihrer Jugend nicht die Möglichkeit, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Probleme und Zweifel wurden totgeschwiegen. Das hat Spuren hinterlassen, die ich heute immer wieder spüre.

Die ersten Jahrzehnte unseres Lebens prägen uns. Wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, um versuchen zu können, uns von Verhaltensmustern und Gedankengängen zu befreien, die nicht unsere sind. Im Umgang damit können wir unabhängig werden und vielleicht ein Stück zu uns selbst finden. Wohin auch immer uns das führen mag.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. November 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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