Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Der Ring: Rheingold/Walküre

Der Ring - Thalia Theater

Foto: Stefan Malzkorn

Von Phuong Ngoc Nguyen Le

Ich muss zugeben, ich war noch nie für ein Wagner-Stück in der Oper, doch man denkt sofort an pompöse und komplexe Bühnenbilder, hochdramatische Kampfszenen und natürlich auch an fulminante Musikeinlagen. Mit dieser Erwartung ging ich dann auch in das Stück. Der neue Hausregisseur des Thalia-Theaters Antú Romero Nunes aber geht recht frei mit dem Stoff von solchen Größen wie Wagner um, so dass von der Oper letztlich nur noch das Libretto blieb. (Das ist insofern eine positive Entwicklung, da man denn endlich auch mal deutlich versteht, was die Protagonisten so von sich geben und man stellt fest, wie lustig sich so mancher Stabreim gesprochen anhört.)

Doch das komplette Streichen der Musik war nicht die einzige radikale Veränderung an den ersten beiden Teilen von Wagners Tetralogie. Nordische Mythologie wurde mit der Originalgeschichte Wagners und der Edda verrührt, einer Sammlung von archaischen Heldensagen. Dafür fielen Szenen aus Wagners Version unter den Tisch und Figuren wie die Rheintöchter wurden komplett gestrichen. Doch all das fiel überhaupt nicht negativ ins Gewicht – ganz im Gegenteil: Es machte das Stück originell und viel interessanter. Die Inszenierung war meines Erachtens dann am stärksten, sobald sie von der Wagnerischen Vorlage abwich.

Düster und archaisch beginnt die Inszenierung mit den primitiven Vorvätern der Welt, die alle um einen zentralen Erdhaufen sitzen, in dessen Mitte das begehrte Rheingold prangt. Abgesehen von der Erde besteht das Bühnenbild quasi nur noch aus angedeuteten Bergwipfeln auf der Drehbühne, und einer Feuerstätte im Hintergrund. Trotz des simplen Aufbaus beweisen Nunes und sein Team, dass sie ihr Handwerk, die Licht- und Nebelkunst, perfekt beherrschen. Mit ganz minimalen Handgriffen erschaffen sie ganze Welten (hier im wahrsten Sinne des Wortes) und lassen das Gold und Feuer so authentisch auflodern, wie ich es noch nie auf der Bühne zu sehen bekam. Die Kostüme ließen Bilder von postapokalypstischen Endzeit-Blockbustern wie Battlefield Earth oder Waterworld wieder aufkommen. Überhaupt fühlt man sich in Nunes‘ archaischer Nibelungenwelt mit seinen Zwergen und Göttern an jüngst erschienene popkulturelle Ableger der ursprünglichen nordischen Sagenwelt wie „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ erinnert. Ob das die Absicht der Macher war, bleibt dahin gestellt.

Trotz der düsteren, urzeitlichen Aufmache, mehreren blutigen und brutalen Szenen und der ernsten Thematik, in denen nach wie vor Machtgier, Tod, Inzest und Ehebruch eine zentrale Rolle spielen, hatte das Publikum durchgehend viel zu lachen. Dafür sorgten die oftmals überzogenen Slapstick-Einlagen – ein besonderes Highlight war dabei der Bau von Walhall durch den Riesen Fafner. Allerdings habe ich bei den ganzen Rollenwechseln nicht immer mitbekommen, wer denn nun wer war. Auch Teile der Geschichte waren durch das ganze Durcheinander an manchen Stellen unverständlich vermittelt, so dass ich allen Zuschauern, die sich in Zukunft das Stück anschauen wollen, raten würde, das Libretto durchzulesen – oder zumindest die Zusammenfassung auf Wikipedia.

Alles in allem fühlte ich mich in den drei Stunden (mit Pause) sehr gut amüsiert und bleibe gespannt auf die Fortsetzung.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Oktober 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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