Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Herzzentrum V

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Foto: Marco Barsda

Von Tjorven Hamdorf

Das Motto des Abends ist: Die große Liebe. So viel war klar. Nach Konzept und Texten von dem deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani, doch was uns dann geboten wurde, hatte wohl keiner erwartet.

Die Menge wartet im Foyer, kurz vor Spielbeginn, als ca. 15 Jugendliche aus dem Chor von „Romeo und Julia“ ganz in schwarz gekleidet auf die Tische springen und zu singen anfangen. Andere Schauspieler verteilen Karten mit Namen. Ich bekam die „Yelena“. Was das bedeuten sollte? Noch wussten wir es nicht. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt, die „Yelenas“ gingen mit dem Ensemble-Mitglied Sebastian Rudolph mit. Wir wurden in einen Raum geführt in dem pinker und weißer Nebel das Sehen schwer machten, setzten uns auf den Boden und der Schauspieler fing an zu lesen. Aus dem Roman „Große Liebe“ von Navid Kermani. Nach zwei Kapiteln las eine iranische Schriftstellerin, die sich als „Afsaneh“ vorstellte, ein Kapitel auf Persisch vor, das uns danach von Rudolph auch auf Deutsch vorgelesen wurde. Als er fertig war, trug er uns mit heller Stimme ein englisches Liebeslied vor und erzählte von seiner ersten richtig großen Liebe, die Yelena hieß. Alle waren ganz ruhig, nur die ältere Dame neben mir kommentierte unentwegt.

Einen kräftigen Applaus später waren wir entlassen und ich schloss mich der kleinen „Claudia“ Gruppe um Erik Schäffler an. Wir nahmen in einem großen Lasten-Fahrstuhl vergleichsweise bequem auf Stühlen Platz. Schäffler las uns drei Kapitel vor und trug uns dann seine eigenen Liebesgedichte vor, die er als Sechzehnjähiger verfasste. Die Gedichte beeindruckten mit Reimen wie „Ich bin die Wange – du der Schmiss, ich bin der Apfel- du der Biss“, endeten mit seinem Tod aus Herzensschmerz und brachten die Anwesenden sehr zum Lachen. Dann ging ich mit den „Barbaras“  unter Leitung von Tilo Werner mit. Tilo Werner wurde ganz privat und berichtete ausführlich davon, wie er seine Barbara zum ersten Mal traf und  wie er seinem „Vorgänger“ einen Brief schrieb.

Als nächstes hörte ich Joachim Lux zu, wobei er nicht von seiner großen Liebe erzählte, weil er das privat halten wollte – auch verständlich! Das Vorlesen wurde immer wieder unterbrochen um in der Gruppe zu philosophieren: Über die Achtsamkeit die man sich selbst entgegenbringen sollte, wie man den „durchgetakteten“ Alltag bewusst unterbricht, die Rolle der Religionen und über die Aufgabe des Theaters. Theater, so Lux, sei die Auflehnung und der Protest gegen den Tod, indem das Vergangene wieder erzählt wird. Die Ehre zu haben, in einer so kleinen Runde mit dem Intendanten des Thalia Theaters über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) zu reden,  war ein weiteres Highlight diesen Abends! Im Anschluss versammelten wir uns wieder im Foyer, hörten dem Chor zu und tranken etwas. Ein ungewöhnlicher Abend im Theater, der die sonst vorhandenen Schranken zwischen Publikum und Schauspieler, Bühne und Sitzplätze aufbrach und die sonst eher unnahbaren Schauspieler ihre eigenen Geschichten erzählen ließ. Eine gelungene Einladung, sich mit der „großen Liebe“ von Navid Kermani auseinanderzusetzen!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. September 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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