Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Wilde 13. Vom Sitzen auf angestammten Plätzen

"Die Wilde 13" Thalia Theater

Foto: Armin Smailovic

Von Arzu Değirmenci Pehlivan

Wer mit vorgefertigten Erwartungen von Dokutheater ins Stück kommt, der irrt sich, genau so wie ich mich irren musste. Kein Bus in Sicht, keine Videoausschnitte über Wilhelmsburg, keine Originaltöne und keine Schafe. Dafür viel Nebel, die Elbe (dargestellt durch einen nassen schwarzen Boden) und drei Insulaner: Grace (Marina Wandruszka), Walter (Günter Schaupp) und Faysal (Björn Meyer), die durch die Unterstützung von der Künstlerin I. Zymansky (Marie Löcker) eine Utopie umsetzen wollen: Ein Hotel Vielfalt für Flüchtlinge auf der Elbinsel aufzubauen. So wie für den Flüchtling, nennen wir ihn mal N (Jasper Diedrichsen), der auf dem Weg in seine neue Heimat alles liegen gelassen hat, sogar seinen Bruder.
Die Auswahl des Hotelpersonals vollzieht I. Zymansky im Bus durch aktive Feldforschung und kühne Beobachtung. Im Bus, der zu 80% aus Menschen mit Zuwanderungsgeschichte besteht. Und die anderen 20% aus alteingesessenen „Biodeutschen“ oder neu zugezogenen Künstler oder Hipsters, wie I. Zymansky, die mit einem Koffer voller Ideen auf die Insel zog.  Durch die vielen Busfahrten bekommt I. Zymansky so einiges mit, was sie für den Aufbau ihrer Utopie braucht: Dass etwa Walter, der die Wilhelmsburger Sturmflut nur überlebte, da er im Jahre 1962 in Koblenz war, sich in seinen Visionen an einer Burka tragenden Frau aufgeielt. Oder das Faysals Freund einige Schwierigkeiten hat.
I. Zymanskys Ideen reichen aber nicht den Stararchitekten (Jasper Diedrichsen) für das innovative Projekt zu überzeugen, für den das Projekt nicht hype genug, originell und googletauglich ist.

“Was passiert dann”? fragt der Flüchtling, als er nach Fertigstellung des Hotels das Angebot bekommt im Hotel als Gast zu bleiben. Eine frische Dusche, warmes Essen alles wofür andere Gäste bezahlen müssten, würde er umsonst bekommen.
Nachdem Wilhelmsburg in den letzten Jahren im Rahmen der Internationalen Gartenschau (IGS) und Internationalen Bauausstellung (IBA)durch Urban Design Architekten in ein Topos kultureller Experimenten Vielfalt verwandelt wurde, fragen sich viele WilhemsburgerInnen “was danach” mit ihrem Stadtteil passiert, in dem sie seit über 40 Jahren leben? Welche Wirkung wird bleiben? Welche Stadtteilpotenziale werden genutzt? Und welche Folgen wird die IBA und IGS für Wilhelmsburg haben,  in der es jetzt schon eine Mietsteigerung um über 20% gibt. All diese und weitere Fragen lassen sich wohl erst in ein paar Jahren beantworten.

Das Stück, welches auf das Buch und dem Dokumentarfilm “Die Wilde 13” von Kerstin Schaefer und Marco Antonio Reyes Loredo basiert, nimmt den Zuschauer mit auf eine lange Busfahrt mit verschiedenen Stationen, in der man sich kritisch reflektierend sich mit den Menschen und der Geschichte des Stadtteils auseinandersetzt. Vielleicht versteht man danach die Menschen im Stadtteil besser, die so sein möchten wie sie sind und nicht alle  Bock auf Jute Beutel und Latte Karo haben.
Im Stück habe ich als langjährige Wilhelmsburgerin, Momente  wiedergefunden, die den heterogenen Stadtteil prägen. Diese Handlungen könnten sich aber auch genauso in Billstedt oder in Mümmelmannsberg abspielen, so dass ein/eine Nicht-WilhelmsburgerIn nicht unbedingt einen Unterschied sieht. Das Besondere aber war, dass immer wieder durch geschichtliche, erzählerische oder bühnentechnische  Darstellungen versucht wurde, einen Bezug zum Stadtteil herzustellen, der zwar im Ansatz gelungen, aber ausbaufähig ist.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. September 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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