Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Schutzbefohlenen

"Die Schutzbefohlenen"  Thalia Theater

Von Leyla Yenirce

Das Stück ist vorbei, der tosende Applaus läuft noch. Regisseur Nicolas Stemann hält zur Ruhe an, er bedankt sich für die vielen klatschenden Hände und räumt ein: Das Stück führt nur weiter, wenn sich was tut, wenn sich die Lage für die Flüchtlinge politisch verändert, wenn sie arbeiten und bleiben dürfen. Die Inszenierung der Schutzbefohlenenist eine Schlacht auf jeder Ebene: sprachlich, politisch, gesellschaftlich, moralisch. Genau so atemlos und aufdringlich wie die Autorin Elfriede Jelinek schreibt, ist auch das Stück auf der Bühne inszeniert. Es konfrontiert, beschuldigt und fordert.

Der Abend beginnt mit einem imposanten Auftritt eines Flüchtlingschores. Danach wird es ruhiger. Drei Männer lesen aus dem Textbuch, alleine, nacheinander, gemeinsam. Ich frage mich, wo die vielen Flüchtlinge bleiben, die nun von der Bühne verschwunden sind und anstelle derer die drei Schauspieler sprechen. Für einen Moment nehme ich an, dass das Stück einen eher leshaften als performativen Charakter hat. Meine Annahme widerlegt sich, als die ersten Klischees ausgepackt werden. Ernest Allan Hausmann betritt die Bühne und nimmt die Rolle des Man of Coloran, die er nicht nur auf der Bühne, sondern auch im echten Leben repräsentiert. Genau so wie Felix Knopp, Daniel Lommatzsch und Sebastian Rudolph eben Felix, Daniel und Sebastian heißen. Und diese drei weißen Männer reflektieren sich heute Abend selbst; als privilegiert, mächtig und vorurteilshaft. Mit einem ironischen Ton entschleiert Stehmann rassistische Klischees und weist gleichzeitig darauf hin, dass wir einer Welt der Gerechtigkeit noch ziemlich weit entfernt sind und dieser Wahrheit sind wir heute Abend alle ausgesetzt. Gefesselt an unseren gepolsterten Theaterstühlen müssen wir uns damit konfrontiert, dass wir als Europäer_innen gezielt Menschen in den Tod zwingen, wie Scheinheilig unser Moralsystem ist und dass niemand von uns Lampedusa ist, denn wir haben alle einen europäischen Pass, außer die Flüchtlinge, die haben keinen.

Der Flüchtlingschor tritt wieder auf, verschiedene Menschen lesen den Text erneut, geben ihm eine sprachlich vielfältige Stimme. Es werden Fluchtgeschichten erzählt und symbolische Päckchen von der Decke geworfen, die die Almosen des Westens repräsentieren. Sie beinhalten warme Winteranzüge, dessen Reißverschlüsse den kompletten Körper verschließen. Erst jetzt merke ich, dass es keine Anzüge sind, sondern Leichensäcke. Sie bergen die Körper der Lampedusa-Flüchtlinge, die schon zu tausenden im weiten Meer, „das genügend Platz für alle hat, ertrunken sind. Die traurigen Symbole einer rassistischen Flüchtlingspolitik schleichen sich durch das gesamte Stück: bürgerliche Hanseaten, die keinen Platz für Ausländerhaben; die Schlampe Europa, die auf einem Stier angeritten alle anderen ausschaltet und reiche Menschen, die sich die Staatsbürgerschaft in Windeseile erkaufen können.

Ich muss tief Luft holen, als ich den Saal verlasse und bin noch recht überrascht von der letzten Situation, die sich auf der Bühne ergeben hat. Intendant Joachim Lux möchte noch einmal das Wort ergreifen und bezieht Stellung zu der Aussage eines Flüchtlings, dass der Chef des Hausesdie Flüchtlinge nicht habe spielen lassen wollen. Lux verteidigt sich, dass es nicht an ihm läge, sondern an den bürokratischen Hindernissen, derer die Flüchtlinge gesetzlich ausgesetzt sind. Das Thalia Theater musste einen Anwalt einschalten, damit die Flüchtlinge als Ehrenamtliche auf der Bühne des Hauses spielen dürfen.

Was sich heute Abend auf der Thalia Bühne abgespielt hat, ist politisch. Das Theater, das sich für das Arbeitsrecht von marginalisierten Menschen einsetzt; der Intendant, der sich auf der großen Bühne verteidigt; ein Regisseur, der statt seinen tosenden Applaus zu ernten, makropolitische Entscheidungen kritisiert; ein Publikum, in dem Menschen dem Raum verlassen, weil sie der Realität nicht ins Auge blicken können und die Flüchtlinge, die heute noch Beifall ernten und morgen wieder abgeschoben werden. Tatsächlich war der heutige Abend so etwas wie ein Selfie für die Menschenwürde – machen sie ein Foto, bevor sie wieder weg ist“.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. September 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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