Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Schutzbefohlenen

"Die Schutzbefohlenen"  Thalia Theater

Von Mazlum Nergiz

Wir treten in den Saal ein und es ist unruhig, so wie es der jetzt beginnende Abend auch sein wird. Auf der Bühne steht ein wirrer Haufen Menschen, sie laufen umher und reden. Die Klaviermusik plätschert vor sich her. Die Gruppe schließt sich plötzlich zusammen, sie treten nach vorne auf das Publikum starrend und schreien uns entgegen: We are here, and we will fight – Freedom of movement is everybody’s right!

Es sind 26 Geflüchtete, die Nicolas Steman in seiner Inzenierung von Elfriede Jelineks aus reiner Textfläche bestehendem Stück Die Schutzbefohlenen den wütenden Chor der Ausgegrenzten spielen lässt. Doch sie spielen nicht ihre Rollen, denn ihre Rollen sind wirklich, sie müssen sie auch noch nach Vorführungsende weiter spielen. Ihre Rollen wurden ihnen mit dem Eintritt auf europäischen Boden aufgepfropft: Die der Illegalisierten, die mit Eintritt des heiligen Bodens der europäischen Wertewüste das Gefühl der Freiheit vielleicht überall schmecken, doch anrichten tut es niemand für sie. Es ist einfach nicht genug für alle da, so die sich bereits in allen nach rechts abgedriftete Meinung in den Medien.

Nach meist lebensgefährlicher Reise aus ihren aufgrund der politischen Situation nicht mehr bewohnbaren Heimatländern reißen 26 geflohene Menschen an diesem Abend mit acht Schauspielern gemeinsam die Fässer auf, vor deren Explosion und anschließendem Chaos uns panische Innenminister schon seit jeher konstant warnen: Sind erstmal alle Fässer auf, ist das Boot voll. Voll mit umherstreunernden Menschen, die die goldene Kuh Europa bis auf den letzten Tropfen Milch leermelken wollen. Jelineks Text ist bitterböse und es vergeht einem fast alles, wenn Sätze wie Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt aus der Broschüre Zusammenleben in Österreich zerhackstückelnd in ihren Textwust hineinflechtet und in das einfach nur einen netten Theaterabend erwartende Publikum reinwirft. Warum schmeckt ihnen die verdammte Milch dort drüben auf der anderen Seite nicht? Ist unsere etwa so schmackhaft, dass bereits 13.000 Menschenleben es Wert waren, auf der verzweifelten Suche nach ihr im Mittelmeer zu verschwinden?

Nach dem Anfangsruf verschwindet die Gruppe der Geflüchteten erstmal und die Schauspieler gehen auf eine gefährliche Reise durch Jelineksche Sprachkriege. Jelinek verarbeitet in ihrem Stück die Ereignisse und insbesondere die mediale Repräsentation der in den letzten Jahren sich im Mittelmeer abgespielten Horrorszenarien von ertrinkenden Geflüchteten, die Protestaktionen von Asylsuchenden in Wien im Jahr 2012 mit anschließender Besetzung der Votivkirche und verschränkt sie mit philosophischen Existenzdiskursen à la Heidegger und dem Drama Die Schutzflehenden von Aischylos.

Am Anfang stehen drei weiße Schauspieler auf der Bühne und sprechen fast schon einer szenischen Lesung gleichend den Text mit einem auf die massiven bürokratischen Hindernisse für viele Asylsuchenden verweisenden Papierkonvolut in der Hand herunter.

Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der Heiligen Heimat. Um diese zentrale Frage nach Über-Leben in einem auf Ausgrenzung gerichtetem Europa geht es genau an diesem Abend. Was heißt es überhaupt, sich einer Gemeinschaft anschließen zu wollen, wenn diese einen nicht will?

Als dann drei weitere Schauspieler auf die Bühne kommen, webt das Stück auch noch eine weitere Ebene in den Abend ein: Rassismus und Diskriminierung im Kulturbetrieb. Zwei schwarze Schauspieler müssen sich permanent ihrer bloßen Existenz im Spiel mit den drei weißen Schauspielern rechtfertigen und die wunderbare Barbara Nüsse fragt: Darf ich denn nicht hier sein, nur weil ich eine Frau bin? Einer der weißen Schauspieler fängt an, sich das Gesicht mit schwarz anzumalen, man neigt fast schon geschockt dazu, empört aufschreien zu wollen, doch eben jene ungebührliche Praktik des fast schon nur noch im deutschen Theaterbetrieb auftretenden Black Facings wird hier selbstreflexiv von einem anderen weißen Schauspieler kommentiert mit den Rufen: DAS IST NICHT OK! DAS IST NICHT OK! Als dann auch noch die schwarzen Schauspieler anfangen, sich weiß anzumalen und Barbars Nüsse rot, wird deutlich, dass in einem Stück, welches dezidiert über die Problematik des Umgangs mit den Geflüchteten in Europa kreist, Fragen von strukturellem Rassismus, Privilegien und Hegemonien ebenso behandelt werden müssen.

Mit einem Aufgebot von sechs riesigen Stacheldrahtkäfigen, die von Frontex-Mitarbeitern auf die Bühne geschoben werden, wird der nun wieder aufgetretene Chor der 26 Geflüchteten hinter Gittern gesperrt. Doch die Grenzen werden wieder überschritten. Nach dem einige Geflüchtete nach vorne treten und in kurzen Sätzen ihre Fluchtgeschichte schildern, wird die Stimmung im Saal ernst. Hier spricht nun kein Jelinek-Text mehr zu uns, sondern konkrete Einzelschicksale. Das Gefühl des Unbehagens stellt sich ein: Authentische Worte brechen durch keinen Filter des Ästhetizismus und Abstraktion auf uns ein und wir müssen es aushalten.

Vom Himmel regnen neben diversen Prospekten und einer braunen Jesusfigur an diesem Abend auch Kleidungspakete herunter, die die Geflüchteten in scheinbarer Freude empfangen und die schon schick wirkenden Overalls gleich anziehen. Doch die Reise ins Morbide geht trotz absurd und komisch wirkenden Szenen weiter. Als alle die Overalls auch noch über ihren Kopf ziehen und die Geflüchteten wie hippe Mumien auf der Bühne stehen, zieht sich hier das Bild der in blauen Leichensäcken eingetüteten Menschen, die an den Stränden von Italien, Spanien und Malta angespült werden, weil Frontex-Boote sie auf dem Mittelmeer absichtlich haben umherwandern lassen.

Die Bühne verwandelt sich zu einem Friedhof und die genialen Foto- und Videoinstallationen transportieren die Bilder in den Medien direkt in den Saal. Zwar leben diese Menschen noch, doch ist es auch nicht nur ein Zufall, dass sie überlebt haben?

Nicolas Stemanns Inszenierung ist ein Sturzbach von Wut und sprachlicher Ohnmacht über das Unvermögen einer sich für eine Wertegemeinschaft haltendes Konstrukt namens Europa, dessen einziger Wert immer noch darin besteht, sich die eigenen Taschen vollzumachen. Durch die jahrhundertelange, schonungslose Ausbeutung der ehemaligen Kolonien offensichtlich nicht zu einem veränderten Bewusstsein über den Umgang seiner produzierten Konflikte gelangt, scheucht dieser macht- und geldgierige Bund die Menschen in den Tod und wir schauen nur zu wie apathische Kühe.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. September 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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