Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Tragödie von Romeo und Julia

Die Tragödie von Romeo und Julia von William Shakespeare Premiere am 6. September im Thalia Theater

Foto: Armin Smailovic

 

Von Leyla Yenirce

Der Premierenabend zu Jette Steckels Inszenierung von Romeo und Julia beginnt für mich mit beim Eröffnungsempfang. Als Premierenblogger_innen sind wir dazu eingeladen, die Thalia Freunde zum Empfang der Spielzeiteröffnung zu begleiten. Im Nachtasyl befinden sich viele schick angezogene Hanseaten und Jette Steckel in schwarzer Seidenbluse und Nike Air Max. Sie wird von Joachim Lux auf die Bühne gebeten; man spürt die Aufregung der Regisseurin, die kurz vor dem Stück noch zum Publikum spricht . Auf die Frage, warum man die Geschichte heute noch erzähle, bleibt mir ein Satz in Erinnerung: „Von Zuhause abhauen, geht heute nicht mehr so einfach.“

„Romeo und Julia“ kreist um gesellschaftliche Umstände, die die Liebe schwierig machen, die große Frage nach Gut und Böse und um den Gedanken der Radikalität. Von Zuhause abhauen ist radikal. Die absolute und selbstsüchtige Liebe Romeo und Julias ist rebellisch und progressiv. Meine Bewunderung rückt mich in ein Dilemma und wirft größere Fragen über das Leben und die Welt auf: Wo finden wir den richtigen Grad zwischen wahnsinniger Absolution, um uns von Ungerechtigkeit reproduzierenden Strukturen zu lösen und ab wann drehen wir nur noch ab, um uns selbst gerecht zu werden?

Gleichzeitig frage ich mich, wie Romeo es schafft, so absolut an eine Sache zu glauben, um als Selbstmordattentäter für die Liebe zu sterben. Wie er es schafft, einfach von Zuhause abzuhauen.

Aber will man das überhaupt? Was machen wir, wenn wir die Menschen um uns herum, unser Zuhause, unsere Familie, Freunde, die Gesellschaft mit all ihren Kabalen so sehr lieben, dass wir nicht mit der großen Liebe durchbrennen können, unter dem Kompromiss all das aufzugeben? Was machen wir, wenn wir uns wohl fühlen in dieser ungerechten Welt der vermeintlichen Sorglosigkeit, aus der wir nicht verbannt sein wollen. „Von hier verbannt heißt aus der Welt verbannt“, sagt Romeo. Wer möchte schon kein Teil des Systems sein, wenn alle die und was sich darin befindet, die Welt ausmachen?

Steckel hinterfragt die Machtverhältnisse, die ein solches Verhalten hervorrufen, auch wenn dies neben viel multimedialem Einsatz am Rande geschieht. Überraschend viel Platz wird aber doch der Liebe eingeräumt, auch wenn sie im Vornherein die Unhaltbarkeit der Shakespearischen Liebesgeschichte betonte. Dass die verbotene Liebe zwischen Romeo und Julia heute immer noch aktuell ist, kann man verstehen, wenn „interkulturelle“ Perspektiven ein größeren Sprachrohr im Theater bekämen. Wahrscheinlich würde man dann merken, dass immer noch für eine legitimierte Liebe gekämpft werden muss: zwischen Aisha und Johannes oder Murat und Markus, nur dass Aisha sich von ihrer Familie nicht trennen kann, und Johannes nicht weiß, ob er sich neben seinem Philosphiestudium in einer monogamen heteronormativen Beziehung wirklich wohlfühlen kann und Murat in seinem eigenen Entfaltungsraum wenig Platz für einen anderen hat, Markus aber nicht ohne ihn und überhaupt alleine nicht will. Auch wenn die modernen Romeos und Julias auf abstrakter Ebene in Form von einem Musikerpaar und Mädchen- und Jugendchören zum Vorschein kommen, hätte ich mir mehr davon gewünscht auf der Bühne; von eben jener schwierigen Liebe, dem Akt des Abhauens und der Schwierigkeit der Verbannung, die Romeo über sich ergehen lassen muss. Auch wenn die vielen Tänzer_innen, Lichteffekte und Musik meine Aufmerksamkeit an sich zogen, hatte sich das meiste in meinem Kopf schon vorher abgespielt, mit dem einfachen Satz „Von Zuhause abhauen, geht heute nicht mehr so einfach“.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. September 2014 von in Allgemein, Premierenblog.
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