Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Thalia PfadfinderIN der Generation IV – Eine Reisebericht

fazittania

Foto: Mona Li

Von Tania Mancheno

Wofür ein Ticket, wenn wir nicht mal wissen, wohin?

Dieser Satz stammt aus dem kritischsten Theaterstück des Thalia Theaters, das ich in den letzten Monate gesehen habe: „Hanumans Reise nach Lolland“ nach dem Roman von Andrej Iwanow. Zumindest habe ich mir dies, als ich in der Gaußstrasse Anfang Dezember zwischen den Publikum saß, in mein kleines Notizheft aus dem Museum El Prado folgendermaßen aufgeschrieben: „Wofür (brauchen wir) ein Ticket, wenn wir nicht mal wissen wohin?“ Heute, drei Monate später, habe ich diesen Satz wiederentdeckt.

Ich finde den Satz passend für die Pfadfindererfahrung, die ich in den letzten Monate im Thalia Theater gemacht habe, und die vorletzte Woche in einem Gespräch mit Herrn Joachim Lux, dem Intendanten des Theaters, kulminieren durfte.
Als sich im November letzten Jahres eine bunte Gruppe von glücklichen, kreativen und erwartungsvollen Menschen im Thalia Nachtasyl zum ersten Mal trafen, wurde uns gesagt: „Pfadfinder finden Wege“. Damals kannten wir uns untereinander nicht. Das Theater kannte uns auch nicht. Wir durften uns vorstellen.
Ich denke, dass mir bis dahin nicht so klar war, dass der Migrationshintergrund nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ vermessen wird … Ich hörte eine ganze Palette an Vermessungsversuche der „M i g r a t i o n s h i n t e r g r ü n d i g k e i t“, die von rudimentären bis hin zu metaphorischen Erklärungen reichten: „40% Prozent Chinesisch“, „fifty-fifty deutsch-amerikanisch“, „10% außerirdisch, weil mein Opa vom Mond stammt“, „Banane: äußerlich gelb, innerlich weiß“, „Bastard!“, „Migrationsvordergründig“ .
Schon damals gaben wir uns Mühe, um die Andersartigkeit in uns anders zu artikulieren.
Ich war also anders-anders und das Thalia Theater interessierte sich genau aus diesem Grund für meine Biographie. Warum? Eigentlich weiß ich es immer noch nicht so genau, warum. Aber ich bin geblieben, weil meine Neugier auf der Suche von Wegen ins Theater größer war, als mein Unwohlsein mit der Abstempelung, die ich gerade als „migrationshintergrundischer“ Pfadfinder bekam.
Wege fand ich einige. Davon will ich Euch erzählen.

 Mein Weg zu den Schauspieler_innen

Überfordert wie ich war nach der Eröffnungsinszenierung der Lessingtage, „Reise ins Ende der Nacht“, fand ich dennoch den Mut, den Schauspieler Rafael Stachowiak anzusprechen, um mein erstes Interview mit ihm zu führen. Ich fragte ihn weniger über die geteilte vierstündige Reise ans Ende der Nacht, auf die uns Castorf mitgenommen hatte, als über seine Erfahrung als „Sid“ in dem bereits genannten Stück „Hanumas Reise nach Lolland“.
Ich musste feststellen, dass meine Interpretation und Assoziationen, die das Stück in mir hervorbrachte, sehr verschieden von den Wahrnehmungen von Rafael waren. Ich erfuhr, dass die von mir erfahrene Menschlichkeit in der Darstellung der Geschichte eine außergewöhnliche Herausforderung für das Ensemble bedeutete, da sie kaum sprachliche Kommunikation mit dem Autor des Stückes hatten, mit dem sie sich nur auf Englisch als lingua franca in den Vorbereitungstreffen und Proben austauschen konnten. Vieles, was kommuniziert werden sollte, musste mit dem Körper sprechen. Laut Rafael erlaube „die Emotionalität der Sprachlosigkeit”, die durch diese neue Form der Kommunikation entstand, dem Publikum genau so wie den Schauspieler_innen, die Emotionen als „Fahrplan für die Reise, auf die uns den Stück zu begegnen einlädt”, zu nutzen. „Wie ein wildes Tier fühlst du dich”, fügte Rafael hinzu, und dies wahrscheinlich, weil der Köper, und nicht die Sprache, eine umfangreiche Erzählungsform bildet.
Das Stück hat, wie Rafael Stachowiak mir erzählte, autobiographische Züge (des Autors), welche die epistemologische Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität durch die Figur eines „illegalen Asylanten” boykottieren. Das Stück handelt vom Leben zweier Asylsuchender in Dänemark, Hanuma und Sid. Die Gründe, warum sie auf der Flucht sind, werden mit Willkür behandelt, weil sie uns fremd bleiben. Wir wissen nur, dass sie von einer Reise ins mysteriöse, fast utopische Lolland vergeblich träumen.
Diese Figuren, die für mich eine Freundschaft teilten, bildeten für Rafael eine Zweckbeziehung. Während der aktive, im Wortlaut Rafaels „Klugscheißer und eigentlich unsympathische” Hanuman, wie ein lebensenergischer Pfadfinder immer wieder neue Wege des Überlebens findet, ist der passive Sid nicht nur von seiner Bodenständigkeit, sondern auch von seiner Wut und seinen Ressentiments (er äußert sich homophob) auf der Welt in „Legoland” befangen. Sid „fühlt sich zu Hause, dort wo er nirgendswo ist”, so Rafael und meint damit das Flüchtlingslager. „Der Ort des Lagers ist der Ort, wo alle sich gegenseitig hassen”, ergänzt er. Es ist aber auch der Ort, in dem über Menschenschicksale entschieden wird. In diesem Zusammenhang nimmt das Publikum die Perspektive der Betrachter_innen des Panoptikums ein. Einige verließen den Saal.

Ich setze meine Suche nach dem Weg zu den Schauspieler_innen mit Fatima Dramé fort, die gerade in „Reise ans Ende der Nacht“ mitgespielt hatte. Auch während dieser Inszenierung verließen einige Menschen den Saal. Fatima erzählte mir, dass sie von der Arbeit des Regisseurs Frank Castorf sehr begeistert wäre, weil er die Fähigkeit besitze, die Augen des Betrachters mit der Realität, „the real shit“, zu konfrontieren. Ihre Worte des Gesanges (Text von Heiner Müller), mit denen sie auf der Bühne performte, erzählten davon, was Europa Afrika schulde. Auch Castorfs Bild von Frauen konnte Fatima und ihre Begleiterin nachvollziehen, weil sie zwar hyper-feminisiert und hysterisch wirken, jedoch keine Opfer sind. „Women were worse than men, but were they victims?“, fragten sie mich, und ich wusste nichts mehr zu antworten.

Werden Clichés in Theater gefestigt oder dekonstruiert? Rafael denkt, „dass die Ironisierung der Bühne dich von Clichés schützt“; Fatima denkt, dass Theater mit Clichés keine Zensur ausüben solle und stattdessen die Realität so zeigen solle, wie sie sei. Es geht nicht darum, Rassismus zu behandeln, sondern diesen zu zeigen.
Da ich noch keine Antwort auf meine Fragen hatte, nahm ich sie mit hinter die Bühne und stellte sie Herrn Lux.

Mein Weg zum Intendantenbüro

Herr Lux empfing die Thalia Pfadfinder_innengruppe in seinem Büro. Zeit für eine Vorstellungsrunde und kreative Prozentrechnungen des individuellen Migrationshintergrundes gab es diesmal nicht.
Nach meiner intensiven Auseinandersetzung mit migrationshintergründigem oder „internationalem“ Theater während der Lessingtage, konnte ich die Frage zu Clichés nun differenzierter formulieren und Herrn Lux stellen: „Die Repräsentation der kulturellen Differenz im Theater scheint mir in zwei traditionellen Strategien gefangen zu sein: Der des Exotismus und des Paternalismus. Sehen Sie im aktuellen Theater die Möglichkeit eines dritten Weges?“
Herr Lux antwortete kurz und knackig: „Ja“,  und er stimmte meiner Kritik am dichotomischen Modell des Multikulturalismus zu, „dies ist aber ein Problem der Gesellschaft und nicht des Theaters“. Das Theater sei nicht ein politischer Ort, im Sinne eines sehr partei-orientierten Verständnissen von politischem Geschehen, sondern lediglich Bühne des Gesellschaftspolitischen.

Im Gespräch ging es vor allem um das Problem, das wir nun alle so gut kennen: die mangelnde Vielfältigkeit im Theaterpublikum und die Schwierigkeiten, die Versuche zur Veränderung dieses status quo mitsichbringen.
Das Problem der Adressanten des Theaters stellt sich als ein Problem der Sprache des Theaters. „Heutzutage“, so Lux, „brauchen wir ein global interessiertes Theater, das jede_r verstehen kann.“

Eine Vernakularisierung des Theaters ist notwendig. Dies geht aber, wie wir von Dante, Shakespeare, Goethe und Lessing wissen, mit einer Popularisierung der Sprache des Theaters einher. „Wer ist wir? Wer repräsentiert wen im Theater?“ Nur durch die Evolution der Sprache kann der Radius der Identifikationsmöglichkeiten im Theater erweitert werden.
Lessings Traum einer kosmopolitische Welt hatte auch eine Demokratisierung der literarischen Sprache zum Ziel. Heutzutage ist die Entwicklung und Erfindung von verbindenden Narrativen nötig. Dies beinhaltet aber auch einen neuen Umgang mit der Gesamtheit der Welt.
Was ist eine post-migrantische Gesellschaft und wie lässt sich aus dieser ein künstlerisches Konzept für das Theater entwickeln? Gibt es so etwas? Ist so etwas sinnvoll? Das fragten wir uns alle während des Gespräches. Auch Lux.
Wofür ein Ticket, wenn wir nicht mal wissen wohin?

Meine Suche nach einer fairen Reise in die Welt

Diese Unwissenheit hat selbstverständlich ihre Vorteile. Es bezeugt nicht nur die Offenheit, Improvisation und Flexibilität (der Identitäten). Es ist außerdem irgendwie romantisch und sexy nicht zu wissen, wohin uns das Leben, das Theater, die Sprache mitnehmen könnte.
Diese Kontingenz hat aber auch Nachteile, denn, wie Robinson Crusoe aber auch „Reise ans Ende der Nacht“ und „Hanumas Reise nach Lolland“ zeigen: jede Reise kann Gewalt mitsichbringen, und wie Ilija Trojanow während des Nachgespräches seiner Lesung lehrte, ist der Tourismus eine Reise, die meistens die Erfahrung der Andersheit gewaltvoll supprimiert. Ist Afrika als Schwerpunkt der Lessingtage gelungen? Und die Kooperation mit der Lampedusa Gruppe? Aus meiner Sicht: eher nein. Für seine Reise zum Treffen mit der kulturellen Differenz hätte das Thalia mehr transnationale Geschichte in den Rucksack packen sollen, um Assoziationen, die manchmal in unseren Gehirnen landen, ohne dass wir dies steuern können, zu vermeiden. „Völkerschau“ ist leider eine von den Assoziationen, die ich hörte.

Dagegen sollte Theater heute die historische, soziologische und poetische Tatsache verfolgen und darstellen, dass Identitäten nicht exklusiv sind. Wie Lux sagte: „Sie schließen sich nicht gegenseitig aus“.

Demnach ist es aber meiner Meinung nach auch einfach falsch zu behaupten, die eigene Kultur könnte nicht verleugnet werden. Wie der algerische Philosoph Jacques Derrida zu der Sprache sagt, ist auch meine Kultur, immer die Kultur eines Anderen. Die ständige Verleugnung der Kultur bildet somit für die Mehrheit der Menschen auf diese Erde Bestandteil der Kultur. Solange das Nationale und die nationale Kultur an Authentizität gemessen wird, wird die reelle Transkulturalität im Theater (und in der Gesellschaft) ein Problem darstellen. Das Publikum kann sich selbstverständlich ändern, so wie unsere Pfadfinder-Gruppe es tut, nicht aber die gesellschaftliche Einstellung und Erwartung des gewaltvollen Konsums der Differenz.
Also fragen wir uns (alle möglichen „wir“) doch nochmal: Wir wissen, dass wir irgendwo anders ankommen wollen … oder zumindest in eine ähnliche Richtung gehen wollen; In welche?

2 Kommentare zu “Thalia PfadfinderIN der Generation IV – Eine Reisebericht

  1. weiserchinese
    24. Februar 2014

    Boah. Hat mich richtig geflasht der Text. Danke Tania dafür!
    Ich musste einige Worte googlen, aber hat mir sehr gut gefallen.

  2. davidgomezalzate
    25. Februar 2014

    Wenn mein erstes Eindruck im Wortform übersetzt werden sollte, dieser wäre die sprachlicher Form, die mir sofort eingefallen ist: hübsch, Beauté und nicht naive Schönheit in einer Diskussion über Wittgenstein. Aber das ist überhaupt nicht mein Punkt hier. Es ist auch eine besondere und Intelligente Art und Weise, unsere Erfahrung als Pfadfinder noch einmal durchzugehen und die durchzudringen, als auch eine Form der Fragestellung an der Zukunft. Wo wollen wir denn hin?

    Auf dem Grund, ein Panoptikum ist ein Überwachungskomplex. Ein ideales Gefängnis, wo jeder das Gefühl haben darf, durch einem einzigen Omnipotentes Blickwinkel beobachtet zu werden: One-eye-seeing: Ein Konzept der philosophisches Denkraum Foucaults; wie macht ausgeübt wird.

    Die Bühne und das Panoptikum im Metapher zu setzen ist mir ein Stück zu weit. Weil die Bühne, laut meiner Pfadfindertage, dieser Kraft nicht hat. Die spielende Truppe, ist bewusst betrachtet, aber nicht beobachtet zu sein. Auf die Bühne scheint es nicht möglich unser alltägliche Realität (mit allen politischen und gesellschaftlichen Fragen –und Antworten- die auf dem Spiel stehen) wieder zu spiegeln.

    Eine Darstellung läuft in eine einzige Richtung; etwas, das nur in Präsenz einem Publikum zum Leben gerufen werden kann. Es wird immer wieder gespielt, immer wieder repräsentiert, immer wieder wiederholt. Dann hast du vollkommen Recht: es geht nicht darum Rassismus zu behandeln, sondern zu zeigen. Eine nicht-wirkliche Dokumentation es ist nicht mehr als eine riesige Lüge. So befinden wir uns in einem Ort des Zeigens, Exhibition Room Ein Schaufenster der Exotik. Es fällt mir schwer, aber so ist die Pfadfindergruppe gegliedert: Menschen, die nicht körperlich und sprachlich unter der Norm dieser Gesellschaft sind, ausgewählt wurden. Menschen die anders denken, weil die Anders sind. Eine falsche Vorstellung d’Autrui, eine riesige Lüge.

    Das Publikum des heutiges Theaters wurde als Bourgeois charakterisiert, ob es das Gegenteil von Citoyen wäre! Proletariat ist das Antonym! Eine vernakulisierung des Theater ist notwendig. Sich mit dem Pöbeln zu mischen, um die Entfernung zwischen Darsteller und Publikum zu vermeiden, um eine Realität wirklich spiegeln zu können.

    Kunst ist nicht Politik, aber man kann Kunst politisch machen.

    Irgendwo müssen wir ankommen, und Irgendwo ist auch ein Ort. Auf alt Griechisch bezeichnet Utopie ein Ort, heute wird es als Antrieb zur Realisierung wahrgenommen.

    D.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Februar 2014 von in Allgemein.
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