Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

[FI’LO:TAS]

_MCH5804Foto: Nihal Demir

Von Tania Mancheno

Bevor ich hier meine Kritik zu dem Stück fi’lo:tas beginne, erlaube ich mir eine kleine Anmerkung: Um dieses Stück zu genießen, sollte man sich an die gleichwertige Stellung der drei größten Weltreligionen, die Lessing postuliert hat, erinnern. Im Nachgespräch fand ich unangenehm, wie viele Vorurteile gegenüber dem Islam deutlich wurden.

Schon die Schreibweise von Lessings Werk Philotas in ihrem Wortlaut, fi’lo:tas, die Regisseur Roger Vontobel gewählt hat, zeigt die vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten der Sprache. Die schriftliche Sprache und die gesprochene Sprache sind zwar verbunden, doch eröffnet sie Zugänge auf verschiedene Universen und Formen des Ausdrucks. Die interne Vielfältigkeit der Sprache ermöglicht unterschiedliche Lesarten und Deutungen der Geschichte, und damit auch der Lebensgeschichte der Menschheit, genau so sehr wie des Lebens eines Menschen; d.h. eine Biographie. In diesem Stück ist das Leben ist ein Kunstwerk oder eben eine Nachrichtenmeldung. Dies sind nur zwei von unzähligen Deutungen über das Leben eines Menschen.

Roger Vontobels gewagte Inszenierung und Jana Schulz‘ Soloperformanz laden das Publikum ein, sich Fragen über die Aktualität von Philotas zu stellen, indem sie die Motive des Stückes in unsere Zeit über-setzen. Aus dem Königssohn wird ein Mittelklasse-US-Amerikaner. Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird sowohl von der Hauptfigur, John Walker Lindh, wie vom Publikum verfolgt. Wie konnte es dazu kommen, dass ein US-Bürger (der ersten Klasse) zum Terrorist wird? Die soziologische Frage, mit der viele rassistisch motivierte Studien Terrorismus zu erklären versuchen, des „wie aus Muslim_innen Terrorristen werden“, wird durch eine psychologische, gar psychoanalytische Frage ersetzt.

Was macht das Leben von Walker Lindh so außergewöhnlich? Die Öffentlichkeit teilt die Meinung, dass sein Werdegang nur eine Ausnahme sein kann. Seine Biographie ist ein Paradox. Eine widersprüchliche Biographie, die zeigt, dass Terrorismus nichts mit Rasse zu tun hat.

Lessings Philotas ist ein Versuch, auf Philotas Frage „Wer bin ich?“ eine Antwort für das Publikum zu finden. Vontobels/Schulz fi’lo:tas ist ein Versuch, diese existentielle Frage in Bezug auf das Terroristen-Sein zu beantworten.

Gelingt dies dem Stück?

Meiner Meinung nach nein. Es gelingt den Stück nicht, die unreflektierte Frage des „Wie kann eine Kultur sich in Terrorismus verwandeln?“ durch die Frage des „Was treibt eine Kultur dazu, ihre Mitglieder_innen in den Terrorismus zu treiben?“ zu ersetzen. Damit kann dieses Stück keine logische Antwort oder moralische Rechtfertigung für das Phänomen des Terrorismus bieten.

Aber jenseits der rationellen und moralischen Antwortsuche ist dieses Stück ein Stück, das eine biographische Geschichte durch den Körper des Individuums erzählt.

Diese Technik wurde sowohl in den Stücken Jedermann als auch in DESH eingesetzt. Während jedoch in DESH eine Biographie durch den Körper erzählt wird, und dies die gesprochene Sprache ersetzt, wird in fi’lo:tas eine Geschichte mit dem Körper, welcher die Sprache produziert, erzählt. Hier wird der Körper nicht zur Geschichte, es wird nur zum Medium der Geschichte.

Gleichermaßen wie im Jedermann spielt in fi’lo:tas das durch den männlichen Körper präsent gemachte Heldentum eine zentrale Rolle. Die Identitätsprobleme der Hauptfiguren entfalten sich zwischen Patriotismen und Männlichkeiten, die der Selbstbestimmung der Figuren im Wege stehen. Anders als im Jedermann werden jedoch im fi’lo:tas die Accessoires des Theaters sparsam verwendet, was eine tiefere Auseinandersetzung mit den langen Monologen erlaubt.

Vielleicht sollte sich das Theater heute mehr auf die Sprache des Körpers als auf die gesprochene Sprache konzentrieren. Das Potenzial des universellen Erzählens in der ersten Sprachform (wie im Fall von DESH) scheint mir größer zu sein.

Ein Kommentar zu “[FI’LO:TAS]

  1. lessingfan
    10. Februar 2014

    regisseur roger vontobel hat aber doch recht deutlich im nachgespräch gesagt, dass es nicht darum gehen kann, dass das stück antworten geben soll!? insofern erübrigt sich die klare aussage, dass es dem stück nicht gelänge, eine antwort zu formulieren. es forscht vielleicht nach antworten, weiss aber, sie nich geben zu können, denke ich.
    mit dem sprach-/körperaspekt Ihres textes haben Sie mich dann aber wieder versöhnt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2014 von in Allgemein.
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