Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

[FI’LO:TAS]

_MCH5797Foto: Nihal Demir

Von Nihal Demir

Herzlichen Glückwunsch, Mr. John Walker Lindh – oder wie Sie sich jetzt nennen: Hamza Walker Lindh. Heute, am 9. Februar, ist Ihr 33. Geburtstag.

Lindh, so liest man, sei ein liberal erzogener „American Boy“ gewesen, der schließlich an der Seite religiöser Fanatiker gegen das eigene Land kämpfte, nun ein „American Taliban“.

Im Internet-Chat gab er schon als Kind manchmal fälschlich vor, Afro-Amerikaner zu sein, dann konvertierte im Alter von 16 Jahren zum Islam. Er reiste in den Jemen, lernte Arabisch, um den Koran im Original lesen zu können. Über Pakistan gelangte er im Frühjahr 2001 nach Afghanistan.

Nach der Katastrophe am 11. September 2001 griff die US-Armee Afghanistan an. Im November wurde Lindh, er war damals 20 Jahre alt, im Norden des Landes gefangengenommen und verwundet. Er hatte ein Gewehr und zwei Granaten dabei.

In der US-Haft litt er unter Nahrungs- und Wassermangel sowie Schlafentzug. Ein Foto ging um die Welt, der bärtige Lindh als Schmerzensmann, mit verbundenen Augen nackt auf eine Bahre gefesselt – irgendwo zwischen Leben und Tod.

Schließlich gestand er, ein Taliban und al-Quaida Kämpfer gewesen zu sein. „Ich tat dies wissentlich und freiwillig und war mir darüber klar, dass dies illegal war.“ Das Urteil lautete 20 Jahre Haft.

Doch wessen ist er wirklich schuldig, welche Gefahr ging tatsächlich von ihm aus? Oder ist es die Strafe dafür, zum falschen Zeitpunkt auf der anderen Seite gewesen zu sein?

Lessings Philotas ist ein junger Prinz und wie Lindh ein Gefangener. Er hatte als Krieger im Kampf zu hitzig agiert. Seit seiner Kindheit schwärmte er von Ehre und Vaterland. Umso mehr empfindet er seine Gefangennahme als Schande.

Philotas möchte vollkommen, eine Art „Superheld“ sein und hat in seinem Perfektionswahn nur Augen für sich selbst. Am Ende tötet er sich, um das vermeintliche Mal in seiner Ehre dadurch abzuwaschen. Dass sein Vater seinen geliebten Sohn verlieren wird, spielt dabei keine Rolle.

Philotas‘ Heldentum verbirgt eine Unmenschlichkeit im Denken. „Du wirst dein Volk mit Lorbeeren und mit Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege, als glückliche Untertanen zählen“, heißt es bei Lessing. Der mahnende Ausruf: „Was ist ein Held ohne Menschenliebe!“ bleibt folgerichtig ungehört. Philotas ist ganz mit seinem vermeintlich heldenhaften Selbstmordplan beschäftigt.

Vor zwölf Jahren, im Jahr des Urteils gegen John Walker Lindh, wurde das von Roger Vontobel inszenierte Stück [fi:lotas] erstmals auf die Bühne stellt. Es verbindet Lessings Helden und den amerikanischen Taliban miteinander. Sie verschmelzen zu einer Figur, eindringlich dargestellt von Jana Schulz.

Jana Schulz spielt einen jungen Mann, der sich als Märtyrer empfindet und sich in die Wunschrolle eines Superhelden hineinsteigert – islamische und christliche Motive und Wortwendungen werden dabei eng ineinander verschlungen.

Eine beklemmende Wirkung geht von dem kargen Stück aus: Auf der Bühne nur ein kleines Sandquadrat, einzige Requisite: ein Stuhl. Dazu ein wenig Musik und ein wenig Video. Dauer des Einakters: Etwa eine Stunde.

Jana Schulz‘ Spiel hat eine Intensität, die verstört. Das ganze Elend des gefangenen Menschen wird gegenwärtig. Der Mensch, der wie ein Tier behandelt wird. Unfreier Geist in einem unfreien Körper. Systematisches Kaputtmachen, Folter. Am Ende der Tod. Für was?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2014 von in Allgemein.
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