Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

DESH

Desh 278 med res by Richard Haughton

Foto: Richard Haughton

Von Janina Granfar

Wie viel Wahrheit steckt in einem Märchen? An welcher Stelle stehen wir, wenn die vollkommen absurde Fiktion doch nicht mehr ist als ein Spiegelbild des alltäglichen Lebens, und alltägliches Leben in fremden Kulturen uns völlig absurd vorkommt?

In seinem Stück DESH, für das Akram Khan selbst Regie führte, gibt der aus Bangladesh stammende Choreograf und Tänzer mehr als nur eine Antwort auf die zwei Fragen und wird dafür nach eineinhalb Stunden gebührend belohnt. Auf den Sitzplätzen kann sich niemand mehr halten. In einer nicht enden wollenden Standing Ovation drückt der gesamte Zuschauersaal Akram Khan seine Begeisterung an diesem märchenhaften und doch so realen Stück DESH aus.

Khan steht hinter einer transparenten Leinwand. Über den Projektor wird ein gezeichneter Wald, bewohnt von exotischen Tieren auf den Stoff geworfen. Das Bild leuchtet in gleißend weißem Licht, so dass die Optik gleichwohl an einen abstrakten Traum und ein finsteres Kinderbuch erinnert. Der Ort ist perfekt, um infantile Unschuld mit sündhaftem menschlichen Verlangen zu kontrastieren. Mit diesem Verlangen, das die Menschen ergreift und das fortan seine gesamte Handlung bestimmt, kopflos, ohne Rücksicht auf Verluste. In dem Zauberwald aus Licht jagt Akram Khan seiner zerstörerischen Lust auf Honig nach, bis diese befriedigt ist. Das Ergebnis der Tat gleicht der Anfangsszene, in welcher er mit einem schweren, riesigen Hammer auf das letzte Fleckchen Natur bis zur vollständigen Vernichtung einschlägt, das sich hoffnungsvoll im Dämmerlicht einer trostlosen, betonierten Umgebung erhebt. Absurd, und dennoch so real. In dieser Märchenatmosphäre lotet Khan das Verhältnis seiner Wahlheimat London zu seiner Ursprungskultur Bangladesch aus.

Die Zerstörung der Natur als ein Akt der Modernisierung ist auch in Bangladesh als Phänomen angekommen. Traditionelle Landwirtschaft weicht der fortschreitenden Technologisierung und zieht die Menschen vom Land in die Stadt, mit dem häufigen Resultat der bitteren Armut. Es ist ein Wandel, der sich innerhalb nur einer Generation vollzogen hat. Künstlerisch hochgradig talentiert, übersetzt der in London lebende Schauspieler das Geschehen in die Welt des Theaters, indem er sich ein bitter dreinschauendes Gesicht mit groben Strichen auf den haarlosen Kopf malt. Die Absurdität der Situation bringt das Publikum zum Lachen. Auch ich lache, bis es mir langsam den Hals zuschnürt, wie der verzweifelte, bengalische Koch erzählt, dass er für ein ganzes Dorf kocht, aber es irgendwie nie reicht. Die Situation verliert an Witz und gewinnt an Ernsthaftigkeit, spätestens an dem Punkt, wo der gekrümmte, arme Mann sich über das Gesicht fährt, und sich das gemalte Gesicht in eine weinende Fratze verwandelt.

Es kann so lustig wirken, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, um gut zu sein, aber im Grunde verbirgt sich hinter dieser Lustigkeit eine sehr traurige Wahrheit. Eine dieser Wahrheiten ist, dass die Entwicklung der einzelnen Länder eine solche Schnelligkeit gewonnen hat, dass bereits zwischen Generationen Welten liegen können.

Das Wort DESH entstammt dem Sanskrit und bedeutet Nation oder Heimat. Heimat, was bedeutet das für den in London aufgewachsenen Akram Khan? Die kulturellen Unterschiede zwischen ihm und seinem in Bangladesh wohnenden Vater werden in DESH konstant thematisiert. Manchmal auf sehr erschreckende Weise.

Um nicht zu viel zu verraten, sondern Ihnen noch die Gelegenheit zu geben, selbst in den Genuss dieses nicht künstlerischer zu gestaltenden Theaterstücks mit vielen Passagen des Tanzes zu kommen, komme ich nun zum Ende.
Akram Khan schafft es in DESH, sowohl Aspekte des menschlichen Wesens an sich, als auch die Konsequenzen menschlicher Eigenschaften gedanklich in den Raum zu projizieren.
Sündhafte Gefühle, Krieg zwischen Pakistan und Bangladesch, Kinderarbeit und die Zerstörung der Natur sind dabei nur einige der vielen Aspekte, die Akram Khan in DESH zum Tragen bringt.

Die Vorstellung wird auch am Samstag, dem 8.2. um 20 Uhr im Thalia Theater gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Februar 2014 von in Allgemein.
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