Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Ilija Trojanow – Wo Orpheus begraben liegt

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Foto: Nihal Demir

von Nihal Demir

Der Schriftsteller Ilija Trojanow ist dem Thalia Theater seit längerem verbunden. Im Jahr 2010 eröffnete er die ersten Lessingtage mit einer „Rede zu einer kosmopolitischen Kultur“, nun führte er uns nach Bulgarien, in das Land, „wo Orpheus begraben liegt“, zugleich das Land der Kindheit Trojanows, das dieser dann im Alter von sechs Jahren verlassen musste und aus dem er nach Deutschland kam. Passend zur Orpheus-Thematik wurde die Lesung mit Musik von Ventzislav Drenikov untermalt.

Seither lebte und arbeitete der „Weltensammler“ Trojanow in München, Nairobi, Mumbai, Kapstadt, Paris und Wien. Doch immer wieder zog es ihn zurück nach Bulgarien, an den Rand Europas. Heraus kam ein Band mit Erzählungen zwischen Reportage und Poesie und mit vielen großformatigen Schwarz-weiß-Fotos des Fotografen Christian Muhrbeck. Bilder von Fischern- und Schnapsbrennern, von Trümmern und Monumentalarchitektur, von einer Welt zwischen archaischer Kultur und Postsozialismus, erstaunlich fremd und doch zugleich vertraut anmutend.

Nach der Eröffnungsrede von Joachim Lux, dem Intendanten des Thalia-Theaters, las Trojanow aus verschiedenen Kapiteln des Buches. Im Hintergrund entfalteten sich dazu sanft die Fotografien Muhrbecks, intime Blicke in die verschiedenen Kulturen Bulgariens: Muslime, Christen und Roma, Arbeiter und Landbevölkerung, Menschen, die gemeinsam leben und überleben.

Den Abschluss bildete ein Gespräch zwischen Ilija Trojanow und Joachim Lux.

Trojanow, so hörten wir, ist Landsmann und Fremder zugleich. Dieses Spannungsverhältnis ist sein künstlerischer Antrieb. Bulgarien ist ein fremder Teil Europas, multikulturell und multireligiös, mit großen ökonomischen Problemen – dem Pro-Kopf-Einkommen nach der ärmste Staat in der EU.

Viele Menschen wanderten aus und die Bevölkerung schrumpft, 1988 waren es noch 8.8 Millionen Einwohner, jetzt sind es nur noch 6.5 Millionen. Niemand weiß es genau, die letzte Zählung wurde abgebrochen.

Immer mehr Dörfer haben keine Bewohner mehr. Im Norden, so erzählte Trojanow, gibt es ein Dorf, in dem fast keine Frauen mehr, nur noch Männer leben – die Frauen arbeiten in Altersheimen in der Toskana.

Trojanow präsentiert Bulgarien als ein Beispiel größtenteils friedlicher Ko-Existenz verschiedenster Ethnien und Religionen, präsentierte es geradezu als ein Ausnahmeland. So hätte Bulgarien – im Zweiten Weltkrieg mit Nazi-Deutschland verbündet – trotz deutschen Drucks sich gegen die Deportation von Juden in die Vernichtungslager gewehrt, sogar Blockaden errichtet und aktiven Widerstand geleistet.

Das ist wohl richtig, wie ein nachforschender Blick in die „Enzyklopädie des Holocausts“ bestätigt, jedenfalls soweit es das ursprüngliche Bulgarien betrifft. Aber es galt nicht für die über 11.000 Juden in Makedonien und Thrakien, Gebieten die in den vierziger Jahren Bulgarien neu zugeschlagenen wurden.

Heute ist Bulgarien Festungswall, Türsteher Europas, und die Grenzen nach außen werden dichter und die Kontrollen verschärft. In der Vergangenheit gab es nur wenige illegale Grenzübertritte, weil Bulgarien nicht dem Schengen-Raum angehörte und deshalb für Flüchtlinge, die nach Deutschland, Frankreich oder Skandinavien wollten, eher unattraktiv war. Nun ändert sich die Situation. Rund 10.000 kamen in den vergangenen vier Monaten, darunter viele Syrer, die man nur in Notquartieren, zum Teil in Gefängnissen, unterbringen konnte.

Der Eintritt in die EU im Jahr 2007, so glaubt Trojanow, habe für die meisten Bulgaren Nachteile gebracht. Bulgarien habe sich immer mehr zu einer Zweiklassengesellschaft entwickelt, in der die Oligarchen und Reichen feudalistisch lebten und das Land beherrschten, während die Masse der Bevölkerung verarme und nicht einmal mehr das Geld habe, um ihre Behausung warm zu halten.

Wälder würden abgeholzt, riesige Hotelburgen entstünden. Der Tourismus aber sei letztlich eine organisierte Verhinderung, das Land wirklich kennenzulernen, und stehe Begegnungen auf Augenhöhe im Wege.

Mag Bulgarien heute auch am Rande Europas liegen und uns fremd anmuten, der Mythos von Orpheus, dessen betörend schöner Gesang wilde Tiere besänftigen und (beinahe) selbst den Tod der Geliebten überwinden konnte, verweist dagegen, das sei am Ende noch angemerkt, auf das Zentrum, auf die Wiege und auf den Stolz der abendländischen Kultur.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Februar 2014 von in Allgemein.
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