Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Yossel Rakovers Vendung tsu Got

YosselWAS NOCH, Gott, soll passieren, bis du dein Angesicht zeigst?
Foto: Peter Rauh

Von Sasan Towhidi

Ein mittelalter Mann in braunem Alltagsanzug, samt Weste und wunderbar stilecht bauschiger Hose, streicht sich, am einen Ende der Bühne stehend, über den Bart und schaut nachdenklich das Publikum an, das nach und nach in die Thalia Garage strömt, lachend, sich unterhaltend. Ich bin einer der ersten gewesen und sitze bereits,  starre ihn unverwandt an, mit der Hoffnung, dass er, Yossel Rakover (Tilo Werner), meinen Blick erwidert. Ich wollte in seine Augen schauen, versuchen, einen Blick in seine gebrannte Seele zu erhaschen, bevor er auch nur einen Ton von sich gegeben hat. Zunächst war es mir nicht vergönnt; erst sollte das Licht gedimmt werden, als Zeichen, dass auch die letzten Gespräche verstummen sollten, so dass er loslegte.

Tilo Werner als Yossel Rakover liefert dem Publikum in einem Monolog einen Eindruck davon, was all das Grauen, das einem jüdischen, aufständischen Familienvater im Warschauer Ghetto ereilt hat, an seinem Verhältnis zu Gott verändert hat. Dabei bleibt es aber nicht bei einer einfachen Abhandlung über die Theodizee, es geht vielmehr um den Mann, um seine Gefühle, seine Anklage, sein Bitten, ohne aber den geringsten Anflug einer Abwendung von Gott.

„Willst du mich zu Tode peinigen, ich will dich ständig lieb haben.“

Als dieser Satz fiel, fragte ich mich, ob Gott und Mensch die Rollen getauscht hätten, denn sonst steht doch die Vergebung durch Gott im Zeichen der abendländischen Religionen. Wie interessant ist es dann, die Rollen so vertauscht zu sehen, dass der Mensch sich plötzlich für den Gott opfert und die Schuld auf sich nimmt.

Das Bühnenbild ist passend zum Stück sehr schlicht. Ein rostiges Bett mit Schaumstoffmatratze sowie eine angedeutete Nasszelle reichen, um ein Gefühl der Kargheit zu schaffen; zwischendurch eingespielte, comichafte Filmchen untermalen und veranschaulichen das Gesprochene.

Mich hat die Inszenierung sehr beeindruckt, nicht zuletzt dadurch, dass der komplette Monolog in jiddischer Sprache gehalten wurde, und, wie ich im Nachhinein erfahren sollte, der Schauspieler vorher monatelang Unterricht in dieser Sprache genossen hat. Für mich persönlich, der Jiddisch noch nie zuvor gehört hat, klang es wie das Deutsch eines Polen, der im Jugendalter in die Niederlande gezogen ist. Sehr interessant, auch wenn ich längst nicht alles verstand und deshalb allen empfehle, sich in Vorbereitung auf den Theaterbesuch den übersetzten, deutschen Text durchzulesen, wobei die Botschaft, die er aussendet, auch für nicht-jiddisch-Sprechende deutlich wird.
Ich persönlich habe ein ambivalentes Verhältnis zur Religion, aber im Zusammenhang mit der persönlichen und sehr sensiblen Geschichte, die dort erzählt wurde, möchte ich meine kritische Einstellung zu ebendieser hier nicht erörtern.

Glücklicherweise wies mich meine Platznachbarin, die Mutter Tilo Werners, eine sehr nette Frau, auf den kuriosen Hintergrund der Geschichte hin: Zvi Kolitz bekannte sich erst im Nachhinein als Autor des Textes und streute damit (angeblich) bewusst, wenn auch indirekt, die Falschinformation, dass es sich bei Yossel Rakover tatsächlich um einen im Warschauer Ghetto gestorbenen Juden handelte. Aus welchem Grund auch immer.

Die Vorstellung wird auch am Mittwoch, dem 5.2., um 20 Uhr im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Februar 2014 von in Allgemein.
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