Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Yossel Rakovers Vendung tsu Got

RAK_20130612_Peter_Rauh-02Foto: Peter Rauh

Ein Gespräch zwischen Theodore Salomon, geboren in New York mit deutsch-jüdischer Herkunft, und der Muslimin Kübra Böler, geboren in Rendsburg

Theodore Salomon: Worum geht das Stück?

Kübra Böler: Yossel Rakover, ein Jude in einem Warschauer Ghetto 1943, spricht aus dem innern der Seele eines verfolgten, eines eingespetteten gedemutigend, eines Menschen, der den Abgrund beruht hat, der seine kleinen Kinder im Ghetto verloren hat, dessen Kameraden verfallen sind. Das war das Thema, er hat alles verloren was ihm wichtig ist und er hat das mit dem Publikem geteilt und mal abgesehen von der Tatsache, dass es ihm irgendwo getroffen hat, dass er traurig ist deswegen, hatte man auch eine ganze Menge Wut in ihm gesehen. Wut warum ausgerechnet seine Kinder, warum das jüdische Volk in dem Sinne, aber auch versucht das Selbst irgendwie zu trösten…ob er das geschafft hat oder nicht, dass ist die Frage.

Was geschafft?

Ob er es geschafft hat, sich irgendwie zu trösten, dass es einen Sinn hat…ich weiß nicht ob er das ganz geschafft hat, weil er war schon ziemlich selbstverbittert.

Du hast recht, ich sehe ihn als eine Hiobfigur, aber dann wird das ganze Volk als Hiobfiguren dargestellt. Nicht nur er hat seine Kinder verloren, sonder auch die meisten der gebliebenen Juden. Die Pest des Nazismus hat fast jeden Juden geplagt.

Unabhängig von der Tatsache, ob es religös bedingt ist oder nicht, es geht um Menschenleben und dein eigen Fleisch und Blut, und wenn du das verlässt, ist egal ob du Hindu bist, Jude bist, Muslim bist, Christ bist…

Es ist alles trotzdem ein Glaubensproblem!

 Nein, es liegt außerhalb des Glaubensproblems!

 Wenn ein so dem Gott unterworfener Mensch solche Umstände erlebt, trifft es seinen Glauben, ausgerechnet wenn sein Glaube darauf beruht, dass er zum auserwählten Volk gehört. Hat er seinen Glauben verloren?

Glaube ich nicht. Er schöpft Kraft aus dem Ganzen.

Das meine ich, das Stück endet mit einem Gewinn für ihn.

Für seinen inneren Seelenfrieden. Also den Umständen entsprechend schon, er legt sich am Ende ans Bett und isst Sonnenblumenkerne.

Hmm, ich kann mal versuchen, das Glaubensproblem eines gebliebenden Judens zu vertiefern, mit einem Beispiel aus der Geschichte meiner Familie. Die Familien meines Opas und meiner Oma waren liberale Juden. Mein Kölner Opa hatte nie in seiner Jugend eine Bar-mitzwa gehabt. Er ist mit 14 1938 nach Colobian geflohen. Seine Religion war nicht das Wichtigste für ihn, und sein Interesse daran ist viel stärker halt nachdem er in den USA lebte geworden. Sie haben früh erkannt, dass sie nicht in Deutschland mit dem macht-greifenden Dritten Reich als Regierung bleiben sollen. Aber was wäre es, für Juden, die gläubiger sind? Wenn der Glaube wirklich darauf beruht, dass man auserwählt ist, ist die Vorstellung eines KZ-Ladens zu, vezeihe bitte meine Ausdrucksweise, zu kafkaesk. Wenn man bleibt, könnte es nicht sein, dass sie psychologisch wegen des Glaubens geblieben sind? Und wie wäre es, wenn jemandem, der nicht glaubt, hiobmäßige, holocaustmäßige Sachen passieren? Darauf habe ich keine Antwort, da ich Gottseidank sowas nicht erlebt habe, aber hier scheint es so, dass sein Glaube ihm hilft.

Ja klar! Das auf jeden Fall. Obwohl er den Glauben als sehr negativ empfindet, weil er viel genommen hat und auch ungeduldig war. Zu der Geschichte, wenn einige durch den Glauben gesagt hätten „wir sind das auserwählte Volk, uns wird nichts passieren, deswegen können wir ruhig hier bleiben” könnte das natürlich einen in die Irre führen, aber dann müsste man gücken, in wie fern man die Theodizee Frage aus jüdischer Sicht bearbeitet, also wie Juden das für sich interpretieren und beantworten. Ich kenne das aus der islamischen Tradition, dass es so ist, Gott prüft die, die er liebt.

Kannst du dazu ein bisschen mehr dazu sagen?

Also, der Mensch ist auf der Erde, einerseits den Gott zu dienen. Gott, wer möchte, sich die Menschen offenbaren, und der Mensch, mit verschiedenen Prüfungen gesetzt, dann wird er sterben, dann wird Gott ihn auferstehen lassen und ihm seine Taten vor Augen führen. Dementsprechend, kommt er entweder in das ewige Paradis oder in die ewige Verdammnis. Gott offenbart sich so, er zeigt ihm, diese Sachen führen dich dahin, diese dorthin, mach was du willst, aber komm nicht später, nicht dass dir niemand was gesagt hast, weil hier, ich offenbare mich. Im islamischen Glauben ist es so, dass Gott den Menschen prüft, dem Menschen werden verschiedene Prüfungen ausgesetzt und natürlich wird auch geprüft, wie gottesbewusst ist dieser Mensch, wie präsent ist Gott in seinem Alltag, in seinem Leben überhaupt und wie geht er mit diesen Prüfungen, mit verschiedenen Situationen um? Gerade die Präsenz Gottes speist den Glauben. Wenn du sagst, „Gott ist da un Gott siegt mich, Gott hört alles, Gott weißt alles, er ist allwissend, er ist allsehend, allhörend…das lässt sich ganz anders handeln, mit Situationen umzugehen als wenn du sagst, „Gott ist nur Sonntags (christlicher Ruhetag und Vollsammlung der Gemeinde) oder Samstags (der Jüdische) oder Freitags (der Islamische) nur da. Es geht nicht, wenn ihm Gott nur einfällt, wenn es irgendeinen besonderen Tag gibt. Es wäre interessant zu wissen, wie sich der jüdische Glaube damit umgeht.

Meiner Erfahren nach, ist die Frage eines Nachlebens, eines Lebens nach dem Tod gar nicht vorhanden oder eben in den Schriften erklärt. Das Leben ist die Prüfung, wie Islam, aber nicht für das Leben nach dem Tod.

Sondern?

Die Frage stellt sich nicht. Sie sind das auserwählte Volk, also dienen sie Gott. Deswegen suchen sie nicht, Menschen zum Judentum überzutreten, weil sie nicht auserwählt sind. Leben nach dem Tod ist einfach nicht in der Rede vorhanden. Man versucht ein gutes Leben zu schaffen, was Gott dient.Das Glaubensproblem wäre also, ob er, und ob Juden überhaupt, auserwählt sind. 52% der heutigen Juden in den USA glauben nicht an Gott, nach einer Umfrage. Der Judische Glaube scheint mir ziemlich leichter in Frage zu stellen als der anderer monotheistischen Religionen, weil er auf dem auserwählten Status beruht.

Also, du meinst, eigentlich glaubt er nicht an Gott, bzw er glaubt an Gott, aus dem Grunde, dass alles was im widerfahren rechtfertigt und erklärt werden kann?

 Ja, das war die Frage für Hiob, und Gott hat seine Leiden erlaubt eigentlich ohne Rechtfertigung. Genau wie Hiob, war Rakovers Glaube stark als das Dritte Reich Polen genommen hatte. Er hat sein Land verteidigt. Er hat alles aus Glauben gemacht, er ist nicht gegangen, er wollte seine Religion und Tradition innerhalb des Ortes verteidigen, wo er lebte, weil für ihn war es unmöglich, dass die Nazis so viel von ihm nehmen würden, da, unter anderen Gründen, er ein Teil des auserwählten Volkes ist. Am Ende, ist es schwierig damit klar zu kommen, dass er ein Teil des auserwählten Volkes ist.

Weil sie so viel Leid erfahren haben. Trotz der Tatsache, dass sie das auserwählte Volk sind.

 Genau.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Februar 2014 von in Allgemein.
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