Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Interview mit Meng Jinghui zu „Leben!“ / 孟京辉在莱辛戏剧节谈(活着),Thalia剧院

Foto: Nihal Demir

Das Interview führten die Pfadi-China-Girls Mona Li, Phuong Ngoc Nguyen Le und Dan Lin.

Sie waren 1993 zum ersten Mal in Deutschland, dieses Mal sind Sie das erste Mal bei den Lessingtagen. Wie gefällt es Ihnen in Hamburg und am Thalia Theater?

Meng Jinghui: In meinen Augen gehört das Thalia Theater zu den älteren, etablierten Theaterhäusern, verfügt dabei aber dennoch über so viel kreative Schöpfungskraft. In den letzten paar Jahren gab es auch Aufführungen vom Thalia Theater in Peking, und wir sind dorthin gegangen. Ich weiß, dass das Thalia Theater über einige hervorragende Regisseure verfügt, die mit ganz tollen Inszenierungsmethoden arbeiten. Ich bin daher sehr aufgeregt und überaus stolz, bei den Lessingtagen dabei sein zu dürfen.

Warum haben Sie sich für Yu Huas „Leben“ entschieden?

Weil Yu Hua und ich alte Freunde sind. Einmal waren wir bei Freunden zu Hause beim Essen, da fragte ich ihn: Du hast so viele Romane, ich könnte einige davon auf die Bühne bringen, wie wäre das? Und er war einverstanden. Ich sagte: Du hast doch diese „Chronik eines Blut- Kaufmanns“, das finde ich ganz toll. Er fand es aber zu grausam und schlug mir „Leben!“ vor. Ich war einverstanden. Dann war es beschlossene Sache. Drei Jahre später, als ich in Frankreich herumreiste, rief er mich plötzlich aus China an und fragte mich, ob ich es denn noch eine Tages machen würde. Und ich sagte: Natürlich! Ein Jahr darauf, also insgesamt vier Jahre nach dem Beschluss, brachte ich dieses Stück auf die Bühne. Am wichtigsten war natürlich das halbe Jahr zuvor, in dem ich meine beiden großartigen Hauptdarsteller Huang Bo und Yuan Quan fand. Das hat mir einen großen Stein vom Herzen genommen.

Im Vergleich zu anderen chinesischen Künstlern haben Ihre Inszenierungen viel Kraft und sind experimentell. Welche Autoren, Philosophen und Regisseure im chinesischen und außerchinesischen Raum haben Sie inspiriert?

Ich gehöre zu einer Gruppe Künstler, die in den 1960er-Jahren geboren sind, und im Rahmen meiner Entwicklung gibt es verschiedene Perioden. In meiner Jugend wurde ich von der URSS-Kunst, vor allem der Revolutionsromantik des sozialistischen Realismus stark beeinflusst. Als ich studiert habe und China Ende der 1990er-Jahre seine Türen weiter geöffnet hat, bin ich Kontakt mit dem Theater des Absurden, New Wave und dem Magischen Realismus gekommen. Folgende Künstler haben mich besonders beeinflusst: Gabriel García Marquez, José Luis Borges, Eugène Ionesco, Samuel Beckett, Harold Pinter, Luis Buñuel, Jean-Luc Godard, Woody Allen und Charlie Chaplin. Diese ganzen neuen Einflüsse, die mir erst einmal sehr fremd schienen, habe ich wie ein Schwamm aufgesogen und verinnerlicht. Meine Arbeiten sind ein gemischter Stil aus sowjetischen, chinesischen und europäischen Einflüssen.

Das deutsche Theater ist sehr oft in ihren Werken wiederzufinden. Inwiefern hat es Sie und Ihr Schaffen beeinflusst?

Deutsches Theater gefällt mir sehr. Künstler wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Heiner Müller oder Thomas Bernhard haben mich sehr beeinflusst. Meiner Meinung nach ist das Theater in Deutschland eine sehr weit entwickelte Kunstform. Es hat politische und gesellschaftliche Relevanz und ist sehr kraftvoll – es ist so viel mehr als nur oberflächliche Unterhaltung. Deutsches Theater hat immer einen sehr starken Eindruck auf mich hinterlassen.

Ich habe gelesen, dass Yu Hua geweint haben soll, als er das Stück sah. Ist das wahr? Wie fiel sein Urteil aus?

Ja, er hat geweint. Andere haben mich einen Jungen genannt, der immer erst alles kaputt machen muss, um es dann neu zu bauen, um die Originalform zu ändern. Yu Hua hatte Angst, dass ich sein Stück zerstöre. Aber er ist auch der Meinung, dass sich die Substanz eines Romans ändern muss, wenn man ein Theaterstück daraus macht. Wenn wir „Leben!“ aufführen, haben wir zwei Prinzipien gehabt: Erstens verwenden wir möglichst die Sätze aus dem Originaltext. Zweitens soll das, was wir neu schaffen, die gleiche Stimmung haben wie das Original. Die Szene zum Beispiel, in dem Fu Gui mit Xiaopang Pfannkuchen isst, kommt im Buch nicht vor, passt vom Humor aber in den Text hinein. Wir kommunizieren erst mit der Sprache des Romans und dann mit der Struktur, um eine neue Energie entstehen zu lassen, wobei die Richtung dieser Energie schon im Roman angelegt ist. Yu Hua sagte, dass Sprache, Struktur und Stimme seines Romans erhalten geblieben ist, aber ich auch Neues geschaffen und auf eine andere Art ausgedrückt habe. Es war für Yu Hua etwas Besonderes, was er nicht erwartet hatte, aber mit dem er kommunizieren kann. Deswegen war er zufrieden.

Wie arbeiten Sie als Regisseur mit den Schauspieler/-innen zusammen? Wie lange dauert die Probenzeit in China? In Deutschland beträgt sie allgemein ca. 6 bis 8 Wochen.

Wenn man in China ein großangelegtes Stück auf die Bühne bringen will, mit vielen Schauspielern, Musikstücken, vielen Medien usw., also vom Skript an, brauchen wir grob gesagt drei Monate. Die Zusammenarbeit mit den Schauspielern dauert ungefähr vier bis sechs Wochen. Wenn es sich um kleinere Stücke handelt, genügen schon vier Wochen Probenzeit. Mit Deutschland verglichen, geht es bei uns ein wenig schneller zu.

Sie haben irgendwann gesagt, je unverständlicher ein Stück sei, desto besser verkauft es sich. Warum und inwiefern spiegelt sich das in „Leben!“ wieder?

Ich gelte in China als Pionier für experimentelles Theater. Die kulturelle Tradition und Ästhetik soll weitergeführt werden, aber das darf man nicht nur sagen, sondern muss es auch tun. Pionierdenken und Experimente beschreiben eine dynamische Ästhetik, aber wie können wir dem Publikum diese Experimente kommunizieren? Das ist sehr wichtig, weil es in China eine Lücke in der Theaterkultur seit den 1980er-Jahren gibt. Zum Beispiel, nachdem ich meinen Master absolviert habe und im Chinesischen Nationaltheater gearbeitet habe, habe ich ein Jahr lang kein Theater gemacht. Dann habe ich beschlossen, experimentelles Theater zu machen, um das Interesse des Publikums zu wecken.

Können Sie uns einen Ausblick auf Ihre nächsten Projekte geben?

Dieses Jahr haben wir einige Stücke realisiert, zum Beispiel das ältere Stück „I love XXX“, das wir nach 19 Jahren in einer neuen Version wieder aufführen. Wir schrieben Wladimir Majakowskis Werk „Die Wanze“ um, außerdem noch „Brief einer Unbekannten“ des österreichischen Autors Stefan Zweig. All das hat sehr viel Spaß gemacht! Im neuen Jahr werden wir eine sehr besondere Methode anwenden, um die philosophischen Werke des britischen Philosophen Bertrand Russell in Theaterstücke zu verwandeln. Das hört sich ein wenig wahnwitzig an, aber es macht Spaß. Wir haben es hier mit ganz unterschiedlichen Dingen zu tun, es ist, als würde man voller Ungewissheit in die Zukunft blicken, man weiß einfach nicht, was danach noch kommt. Dies macht auch den Reiz und Zauber des experimentellen Theaters aus. Das Experimentieren und die Avantgarde sind nicht das Ziel, sondern der Weg, oder um es genauer zu fassen: Die Essenz des Weges.

Ein Kommentar zu “Interview mit Meng Jinghui zu „Leben!“ / 孟京辉在莱辛戏剧节谈(活着),Thalia剧院

  1. lessingfan
    5. Februar 2014

    danke, Pfadi-China-Girls!!!!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Februar 2014 von in Allgemein.
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