Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Leben!

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Foto: Nihal Demir

Von Mona Li

Klatsch Klatsch. Apathisch klatsche ich in die Hände. Das Geräusch, das man kennt, wenn die Hände mit leichtem Druck, leicht schräg versetzt, einander berühren, ist gar nicht da.
Ich sehe nur, wie sich meine Hände in den Rhythmus meiner Sitz-, mittlerweile Stehnachbarn eingliedern. Alles nur unterbewusst, denn ich starre geradeaus: Dabei sehe ich die ernsten, traurigen Gesichter der Schauspieler an. Sie stehen dort auf der Bühne. Verbeugen sich perfekt synchron. Sie sind gewollt natürlich aufgestellt, so dass jeder von ihnen zu sehen ist.

Für mich sind die Schauspieler keine Schauspieler, wenn ich jedem einzelnen ins Gesicht schaue. Es sind für mich immer noch die Gesichter der Inszenierung „Leben“ von Meng Jinghui. Ich sehe noch immer eines jeden Lebensschicksal. Ich sehe die bereits verstorbenen Rollen dieser Geschichte an.
Es berührt mich so sehr. Ich will kein Ende dieser Geschichte. Auch nach drei Stunden starren, hören, sehen, hinterfragen nicht. Ich möchte dem Leben auf der Bühne weiter zusehen. Auch wenn es so traurig war, der Protagonist nicht immer ein guter Mensch war und schon mehrere Charaktere der Geschichte starben.
Ich wusste schon von Anfang an, diese Geschichte endet nicht mit: Ende gut – Alles gut.

Vielleicht möchte ich auch nicht, dass das Geschehen auf der Bühne und das rhythmisierte Geschehen im Publikum endet, von dem ich ein Teil bin, weil meine Sitznachbarn mein Schluchzen hören könnten. Deshalb versuche ich die Tränen zu unterdrücken und das Wegwischen dieser unterschwellig mit dem Wegstreichen einer Haarsträhne zu verbinden.
Ich möchte nicht, dass sie mich sehen, mich drauf ansprechen, denn ich weiß: Ein Wort, eine Berührung, und diese unkontrollierte Stimmung in mir, die die Inszenierung in mir ausgelöst hat, würde zusammenkrachen. Implodieren, wie ein zu sprengendes Haus, das zwar in sich zusammen kracht, aber so laut und vehement vernehmbar ist, dass alle es mitbekommen.

Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Bei Filmvorstellungen und Theaterstücken sowieso nicht.

Und warum ausgerechnet heute?
Eins muss ich verraten. Ich ging in dieses Stück nicht ohne Vorurteile.
Weder kannte ich das Buch „Leben“ von Yu Hua, das zur Vorlage dieses Stückes dient, noch kenne ich den renommierten Regisseur Meng Jinghui. Ich frage mich, ob ich, als Tochter einer chinesischen Frau, die Gegenwartshelden ihrer Kultur kennen muss.
Trotz meiner Unwissenheit war mein Kopf schon bereits vor dem Gong, der zu Beginn der Vorstellung läutet, voller Gedanken:

Ich – wie eine Kommode

stopfte meine Vorurteile nur so in die einzelnen Schubladen. Ich säuberte sie vorher aus, damit viel von meinem stereotypisierten Denken reinpasste.

Soso, ich sollte also ein Theaterstück über China von Chinesen gucken.
Die können doch gar kein Theater. Das Einzige, was ich kenne, ist Sprechtheater aus dem chinesischen Fernsehen. Ich habe mir mal eine Ballettvorführung angesehen und die berühmte „Linie 1“ in Shanghai. Schon dort saß ich im Publikum und habe jede Aktion, jeden Auf- und Abgang, das Bühnenbild, die Slapsticks, die die chinesische Kultur liebt, genauestens analysiert. Immerhin wollte ich damals noch Regie studieren.
Es fällt mir nicht einfach, hierüber zu schreiben, denn auch wenn ich mich über ein Stück äußere, reflektiert es viel mehr mich selbst.
In meinem Kopf schwirrte immer wieder: Schultheater. Ah einfach. Künstlich gespielt. Nicht surreal und abstrakt genug.
Ich traute den Chinesen einfach keine Kunst zu.
Ich warf ihnen vor, keine eigenen Ideen oder Kreativität zu besitzen, sondern nur simple Symbolik zu verwenden. Wenn etwas lustig war und ich überrascht war und laut lachte, dann fragte ich mich sofort, wo sie das nur kopiert hatten oder welcher westliche Mitarbeiter der Produktion wohl diesen Einfall hatte.

Ich kann dies nur schreiben, weil ich mich selbst kritisiere.

Genau so ging ich an die Inszenierung „Leben“ heran. Doch irgendwann sagte ich mir : Mona, hör einfach auf damit. Wieso stellst du dich, nur weil du in deinem Leben schon mehr Theaterstücke gesehen als Menschen kennen gelernt hast, die Meier, Müller oder Schulz heißen, über eine Kultur. Einer Kultur, der du selbst entspringst? Was für eine intolerante, rassistische Schizophrenie.

Es gab für mich keinen Grund. Am liebsten würde ich ein in meinem Kopf kreiertes Szenario auf die Bühne bringen und alles wieder gut machen. Ich wünschte mir, dass ich, die Kommode, zersägt werde und die Sägespäne wie Konfetti herunterrieseln, bis keine Vorurteile mehr da sind.

Fu Guis Leben ist keine Märchengeschichte. Es ist die Geschichte eines alten Mannes, dessen Leben von Nichtleben, also Sterben, begleitet wird. Er verliert zunächst seinen Vater, seine Mutter, seine Tochter, seinen Sohn, seinen Schwiegersohn und schließlich auch noch seinen Enkelsohn. Während der Inszenierung baute ich zu jedem dieser Charaktere eine Bindung auf. Ich wollte sie nicht gehen lassen. Vor allem, weil sich der Protagonist nie von ihnen verabschieden kann.
Sie sterben an qualvollen Toden. Der Junge stirbt beim Blutspenden, der Schwiegersohn wird von Zementplatten zerdrückt.
Nie wird der Tod auf der Bühne inszeniert. Er wird immer nur erzählt.

Jeder Tod war traurig, aber leise, fern und nüchtern. Es war auffällig, dass sich niemand umarmte. Die Menschen kamen sich einfach nicht nahe auf der Bühne. Nicht nur die Menschen auf der Bühne. Ich kenne das aus der chinesischen Kultur. Eine Umarmung ist nicht das, was es hier ist. Es wird einfach nicht getan.
Und dann tat es mir so weh, auch wenn keine Nähe und Umarmung da war, es tat einfach nur weh.
Es tat mir so weh, wie Fu Gui, der sagte: Es schmerzte ihn im Inneren so sehr, dass er nicht einmal mehr schluchzen konnte, er konnte es nur im Inneren ertragen.

Im Gegensatz dazu gab es auch viele lustige Momente in diesem Stück. Ich habe viel gelacht. Auch als der Kommunismus grotesk dargestellt wurde. Ich lachte, aber ich lachte nicht einfach. Denn hinter jedem Lächerlichen folgten Gedanken zur Verarbeitung.
Ich musste dabei an einen Juden denken, den ich in einem Videointerview im Yad Vashem, in der größten Gedenkstätte des Holocaust sah. Ich werde mich mein Leben lang an diesen Mann erinnern. Als ich den Raum der Gedenkstätte betrat, zog sein Gesicht mich sofort in den Bann. Denn er lachte. Er lachte so sehr, er hatte so ein großes, offenes, herzliches, genuines Lächeln. Und als der Interviewer fragte, wie er bei all dem, was er erlitt, noch so lachen kann, antwortete er: Was bleibt mir denn sonst, warum soll ich traurig sein, wenn das Lachen die einzige Fröhlichkeit ist, die mir bleibt.

Der Hauptdarsteller Huang Bo mit Phuong Ngoc Nguyen Le, Dan Lin und Mona Li.
Foto: Nihal Demir

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Die Vorstellung wird am Dienstag, dem 4.2., um 20 Uhr im Thalia Theater gezeigt. Morgen finden Sie auf dem Lessingtageblog ein Interview von Phuong, Dan und Mona mit Regisseur Meng Jinghui auf chinesisch und deutsch.

Über weiserchinese

Mona. 21 years and traveled to more than 30 countries. Enjoys independent and off the beaten track traveling.

Ein Kommentar zu “Leben!

  1. jenniferk123
    4. Februar 2014

    Vielen vielen Dank dafür, dass du deine Gefühle so offen und ehrlich teilst! Sehr schöner Text!

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Februar 2014 von in Allgemein.
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