Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Leben!

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Foto: Nihal Demir

Von Dan Lin

Leben oder Überleben?

Im Klappentext steht „Das Wort ‚großartig‘ erscheint gegen dieses Buch klein.“ Der Schriftsteller Yu Hua und seine Werke zählen zu den populärsten chinesischen Literaturexporten. „Leben“ ist sein Debütroman und erschien im Jahre 1992. Die Inszenierung „Leben!“ von Meng Jinghui thematisiert das Schicksal des chinesischen Bauern Fugui und gibt zugleich Einblick in die chinesische Geschichte der 1940er – 1980er Jahre, die von harter Arbeit, Kriegsgefangenschaft, Hungersnöten und dem sukzessiven Verlust der Familie, die durch die herrschenden politischen Bedingungen entstehen, insbesondere der Kampagnenpolitik  Mao Zedongs, wie der „Große Sprung nach vorn“ und die Kulturrevolution. “Leben!” ist ein Buch über eine schicksalhafte Biographie mit nur wenigen Lichtblicken. Auf jeden Moment des Glücks, wenn sich das Lebens zum Guten zu wenden scheint, folgt ein harter Schicksalsschlag. Trotzdem verfällt man entgegen jeder Erwartung nicht in eine tiefe Depression. Seine Familie ist die Quelle seiner Energie und seines Lebenswillens und selbst nach dem Tod zehn Familienmitglieder lebt die Erinnerung an seine Familie weiter.

Das Theater von Meng Jinghui, wird auf moderne Weise aufgeführt. Im Vergleich zum gleichnamigen Film von Zhang Yimou entspricht die Inszenierung mehr der Erzählung. Es beginnt mit: ”Als ich noch zehn Jahre jünger war , hatte ich einen richtigen Faulenzerjob: Ich sollte übers Land fahren und bäuerliche Volksdichtung sammeln.” Der Schauspieler Huang Bo erscheint auf der Bühne mit weißem T-Shirt und erzählt als junger Intellektueller aus der Ich-Perspektive. Wie mit ein paar Pinselstrichen skizziert er ein pralles ländliches Leben mit erotischen Abenteuern und einer die Einleitung abschließenden idyllischen Szene: Ein vergnügter alter Mann namens Fugui, was „der Glückliche und Edle“ bedeutet, pflügt mit seinem Ochsen das Reisfeld. Nachdem Huang Bo ein weiße Bluse angezogen hat, erzählt er wieder aus der Ich-Perspektive von seinem Leben. Der Wunsch nach Wohlstandsleben wird enttäuscht, stattdessen wird der Kampf um das Notwendigste gezeigt, ein Kampf gegen das Verhungern, die Krankheit und das Alter. Alle sind sterblich und Fugui verliert alle seine zehn Familienmitglieder. Nach dem Tod seines Enkelkindes Kugen erscheinen von der Bühnendecke sieben große Steine an sehr dünnen Seilen. Sie vermitteln genau, wie schwer die Last von Fuguis Schicksal ist. Ich erinnere mich an Faust, Gottes kleiner Krieger und die Lange Nacht der Weltreligionen, wo die Leidenschaft und die Sehnsucht betont wurden. Fugui strebt nicht wirklich nach etwas. Er kann zwar auf ein erreignisreiches Leben zurückblicken, hat jedoch niemals das Abenteuer gesucht. In Bezug auf die lange chinesische Geschichte wird ein kompakter chinesischer Charakter entwickelt, der kaum aggressiv ist oder laut schreit. Das Leben ist für die meisten Chinesen zu tolerieren. Trotzdem ist Fugui der Überlebende, der gelernt hat, die wenigen Momente des Glücks zu schätzen.

Yu Huas Werke wird von Intellektuellen sehr geschätzt. Er stellt sich die Frage, wie sinnlos das Leben eines chinesischen Bauern in dieser Zeit doch war. Die Frage ist schon am Anfang erklärt: Die städtischen Intellektuellen betrachten die Frage nach dem Sinn des Lebens zu oberflächlich. Fuguis Lebenswille besteht in dem tiefen Glauben daran, dass man lebt, um zu leben. Das impliziert auch die Liebe zu seiner Familie. Zu leben und zu überleben ist für diese einfachen Menschen dasselbe. Und dieses Leben beinhaltet verschiedene Aspekte, den Schmerz ebenso wie die Liebe.
“Bald würde die Dämmerung weichen und die Nacht sich vom Himmel herabsenken. Ich sah, wie die weite Erde ihre starke Brust entblößte – Ein Ruf war das: Wie die Frauen ihre Söhne und Töchter, so rief die Erde die Nacht. ” Was untypisch für die gesamte Inszenierung ist, kann man am Ende plötzlich etwas poetisch hören, was lange nachhallt. Insgesamt gesehen ist das Leben herzzereißend und lässt beim Publikum letzendlich doch ein positives , hoffnungsvolles Gefühl zurück.

Obwohl ich vorher schon das Buch gelesen und den Film gesehen habe, ist diese Inszenierung sehr eindrucksvoll . Das Theater, besonders das Sprechtheater, habe ich erst in Deutschland im Thalia Theater, kennengelernt. Dort habe ich meistens deutsche Inszenierungen besucht und nicht viel chinesisches Theater erkundet. Es gibt mir ein spezielles Gefühl, nicht nur eine Inszenierung auf chinesisch auf deutscher Bühne zu sehen, sondern auch den Vergleich zwischen chinesischem und deutschem Theater, also einem experimentellen Theater, dass Tradition und Innovation verbinden will. Meng Jinghui hat mit europäischen Stücken angefangen und die Form des westlichen Theaters übernommen. Aber wozu taugt das Theater? Ich werde etwas von Uwe Johnsons Vorschlägen zur Prüfung eines Romans zitieren: Das Theater (Ein Roman) ist ein Angebot und eine Welt, gegen die ‚wirkliche‘ Welt gehalten. Als Publikum sind wir eingeladen, diese Version der Wirklichkeit zu vergleichen mit jener, die wir unterhalten und pflegen. Diese Inszenierung orientiert sich nicht nur an bekannten Symbolen oder will eine simple Moral vermitteln. Yu Hua beschreibt ruhig und genau, fast wie ein Chronist, mit großem Respekt für die Figuren, und Meng Jinghui gibt diese Geschichte wieder. Auf der Bühne gibt es viele Gräben und auf beiden Seiten große Spiegel, damit die Schauspieler schnell auftreten und verschwinden können. Auch der Abstand zwischen den Menschen in der Kulturrevolution wird durch dieses Bühnebild betont. Eine andere Stärke dieser Inszenierung ist der einfache Sprachstil, der der Sprache einfacher Menschen entspricht und auch einen Cocktail von chinesischen Dialekten zeigt. Die deutsche Untertitel, die nur in wenigen Wochen angefertigt wurden, sind super. Es gibt ständiges Lachen sowohl vom chinesischen Publikum als auch vom deutschen. Es ist anspruchsvoll, etwas sehr Einfaches in Worte zu fassen, und diese Worte sind deutlich und ungeheuer kraftvoll. Die Aufführung dauert drei Stunden, die man auch ungefähr für das Lesen des Buches braucht, und sind niemals langweilig oder langatmig.

Dieser Song hat durch seine Melancholie und seinen Kummer ohne Bitterniss Yu Hua zu seinem Buch „Leben“ inspiriert:

Der Hauptdarsteller Huang Bo mit Phuong Ngoc Nguyen Le, Dan Lin und Mona Li.
Foto: Nihal Demir

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Die Vorstellung wird am Dienstag, dem 4.2., um 20 Uhr im Thalia Theater gezeigt. Morgen finden Sie auf dem Lessingtageblog ein Interview von Phuong, Dan und Mona mit Regisseur Meng Jinghui auf chinesisch und deutsch.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Februar 2014 von in Allgemein.
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