Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Leben!

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Foto: Nihal Demir

Von Phuong Ngoc Nguyen Le

Es ist niemals eine gute Idee, mit zu hohen Erwartungen irgendwo hin zu gehen, ob es sich nun um einen Museumsbesuch, einen Kinofilm oder ein Theaterstück handelt. Man kann eigentlich nur verlieren. Allerdings war es gewissermaßen schwierig, nicht zu viel zu erwarten, wenn der gefeierte Meng Jinghui, Chinas Meister-Regisseur des zeitgenössischen, experimentellen Sprechtheaters, eines der großen Werke moderner chinesischer Literatur vom sagenumwobenen Yu Hua auf die Bühne bringt, und dabei zwei aufsteigende Stars am chinesischen Filmfirmament in die beiden Hauptrollen (Huang Bo und Yuan Quan) schlüpfen lässt. Auch der Vergleich mit der von Kritikern hochgelobten gleichnamigen Verfilmung von Zhang Yimou aus dem Jahr 1994 ließ die Erwartungen ins Unermessliche steigen.

Der Roman, der in zahlreiche Sprachen und auch ins Deutsche übersetzt wurde, beschreibt das Leben des Xu Fugui, Abkömmling eines reichen Großgrundbesitzers, und spielt sich über einen Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert ab. Durch Glücksspiel verliert er das gesamte Familienvermögen und muss den Rest seines Lebens in bäuerlicher Armut fristen. Ein Schicksalsschlag folgt auf den nächsten: So wird er ungewollt für die Armee eingezogen, Hunger und Tod verfolgen ihn unentwegt und im Laufe der Jahre begräbt er ein Familienmitglied nach dem anderen. Aber Fugui gibt niemals die Hoffnung auf und klammert sich stets voller Zuversicht an das Leben.

Meng Jinghui bleibt bei seiner Adaptation anders als der Film erstaunlich nah an der Romanvorlage, manche Sequenzen sind fast originalgetreu Wort für Wort übernommen worden. Es gab einige Kürzungen und einzelne witzige Zwischensequenzen, die im Buch nicht vorkamen – alles andere blieb identisch. Nur mit dem Unterschied, dass mich das Buch zutiefst erschütterte und das Bühnenstück nichts hinterließ. Keine aufwühlenden Gedanken, keine unterdrückten Tränen, nichts war wirklich überraschend. Nur die elektronische Musik bei jeder bewegten Szene nervte manchmal.

Auch die Besetzung und die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wurde, empfand ich als emotionslos. Ich sehe keine wirkliche Entwicklung in dem Hauptcharakter, aus dessen Perspektive die Handlung erzählt wird, als ginge ihm sein eigenes Leben nichts an. In drei Stunden rauschen wir mit ihm von einem schrecklichen Erlebnis ins nächste, und doch bleibt er bis zum Ende der gleiche verschmitzte Taugenichts wie in seinen Jugendjahren auch. Das Gesicht seiner Frau Jiazhen blieb bis auf wenige Ausnahmen beinahe durchgehend unbewegt und starr, gefangen in der gleichen apathischen Emotionslosigkeit und Kälte. Und auch die taubstumme Tochter Fengxia, eigentlich ein sensibles, leidvolles Geschöpf, das viel zu erwachsen ist für ihr Alter, verkommt hier zu einer kleinen unbekümmerten Göre.

Ich frage mich, ob diese harsche Kritik und meine Enttäuschung nicht meinem unentwegten Vergleich mit dem Roman und dem Film zu schulden ist?

Dabei war das Stück tatsächlich nicht schlecht. Es war eine moderne Inszenierung, und bediente ausnahmsweise mal nicht die gleichen Klischees und Vorurteile, die man hier im Westen zu chinesischen Bühnenstücken so pflegt (flatternde Kostüme, traditionelle Erhu-Musik und viel Kungfu). Ein großes Lob geht vor allen an das sterile, aber sehr fantasievolle Bühnenbild und an den sehr stimmungsvollen Umgang mit Licht. Auch die unkonventionelle Darstellung von einzelnen Szenen, wie der Spielszene zwischen Fugui und Longer im Freudenhaus, oder kleine erheiternde Slapstick-Einlagen als kleines Schmankerl zwischendurch ließen mich bisweilen schmunzeln.

Und dennoch ist es für mich schwierig, das Stück vollkommen unabhängig von der Vorlage zu bewerten. Mich hat im Roman das ergreifende Schicksal dieser einfachen Menschen sehr berührt, die ihr Leid mit unglaublich viel Würde schultern, auch ihr Erwachsenwerden wird differenziert beschrieben. Im Buch wird eigentlich jede zweite Seite geweint, diese Intensität habe ich beim Zuschauen vermisst. Die taubstumme Tochter Fengxia zum Beispiel hat im Roman eine tragende Rolle, die bescheiden und reif mit ihrem Leid umgeht. Hier verkam sie zu einem naiven, lebenslustigen Mädchen, das nie wirklich zur Frau wird. Die Inszenierung mag vielleicht interessant und unkonventionell gewesen sein, aber ich bin ohne einen tiefen Eindruck aus der Vorstellung hinausgegangen. Wenn die Geschichte Sie berührt haben sollte, dann kaufen Sie sich doch lieber den Roman, der viele Zusammenhänge viel eindringlicher auf tragisch-komische Weise zu erzählen vermag. Der eigentliche Applaus gebührt hier, wie ich finde, dem Autoren Yu Hua.

Die Vorstellung wird am Dienstag, dem 4.2., um 20 Uhr im Thalia Theater gezeigt. Morgen finden Sie auf dem Lessingtageblog ein Interview von Phuong, Dan und Mona mit Regisseur Meng Jinghui auf chinesisch und deutsch.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Februar 2014 von in Allgemein.
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