Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Rosa Yassin Hassan – ein Abend über mutige Frauen

Hassan©Alawi_Verlag_bigsize

Rosa Yassin Hassan. Foto: Alawi Verlag

Von Jennifer Krüger

Bob Dylan begleitet mich heute Abend aus dem Nachtasyl. Die Zeiten ändern sich, singt er, und ich frag mich, ob da was dran ist.

Rosa Yassin Hassan ist eine syrische Schriftstellerin, Frauenaktivistin und durch ihren Blog  „Tagebuch der syrischen Revolution“ Chronistin der Verbrechen des Assad-Systems und der bewaffneten Opposition geworden. Sie ist eine mutige Frau.
Bevor sie anfing zu schreiben, studierte sie Architektur an der Universität von Damaskus und verfasste Literaturkritiken. Mittlerweile hat sie fünf Romane und Kurzgeschichtenbände veröffentlicht, in denen sie „die drei Tabus der arabischen Welt verletzt: Politik, Religion, Sexualität“, wie sie in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt sagt.

In Syrien wird sie deshalb gesucht.

Schweren Herzens verließ sie ihre Heimat, weil es zu gefährlich für sie und ihre Familie wurde. Das Gefühl von Revolution, 2011 ausgelöst durch den arabischen Frühling, bleibt eine ferne Erinnerung, ein Traum von früher. Der Konflikt ist eskaliert und zu einem international gefütterten, blutigen Kampf geworden.

Im Bürgerkrieg von heute gehören Hausbesuche von „Sicherheitsbeamten“ und brennende Gebäude zum Alltag. Hassan erzählt von einem Land, in dem täglich unschuldige Menschen aufgeschlitzt oder erschossen werden oder vor Hunger sterben.
Die UNO hat inzwischen aufgehört, die Toten zu zählen.
Für eine Kämpferin der Demokratie und der Menschenrechte ist es ein viel zu gefährliches Umfeld.

In Deutschland findet Rosa Hassan Zuflucht: Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Hamburg, ist Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Sie hadert oft mit sich selbst, hat Schuldgefühle, weil sie ein sicheres Leben führen kann, während ihre Landsleute sterben. Sie trauert um jeden Toten, sagt sie, unabhängig dessen politischer und religiöser Einstellung. Ihre Art, sich und anderen zu helfen, ist die Literatur.
So tut sie hier das, was sie am besten kann: Schreiben. Aber kann Literatur helfen? Der Moderator des Abends, Zeit-Herausgeber Josef Joffe, fragt Rosa Hassan, ob der Journalismus oder die Literatur geeigneter sei, um Veränderungen zu bewirken. Rosa Hassan möchte darauf keine eindeutige Antwort geben, scheint die Literatur aber doch zu bevorzugen: Diese hätte langfristigere Auswirkungen auf die Herzen der Menschen.

Heute Abend las sie auf arabisch aus ihrem Roman „Wächter der Lüfte“. Es ist ein Buch, in dem es um die irreparablen Schäden im Innersten der Menschen geht. Um den Hass, der in den Köpfen und Herzen bleibt und der die Familien zerstört. Es geht um die Verlierer unserer Zeit, um die Menschen in der Dunkelheit.

Thalia-Schauspielerin Alicia Aumüller, die von Rosa Hassan liebevoll als ihre Freundin vorgestellt wurde, las die deutsche Übersetzung.

Es ist schwer, zu beschreiben, wie ich mich währenddessen gefühlt habe. Diesen Text zu hören brachte mir die Realität des Wahnsinns ganz nah. Plötzlich spürte ich das Grauen aus der Innenperspektive, erfuhr es nicht nur als eine trocken beschriebene Nachricht aus einem mir geografisch, sprachlich und kulturell so weit entfernten Land. Rosas ernste, dringliche Stimme berührte mich schon allein durch ihren melodischen Klang, bevor ich die Bedeutung der Worte durch die Übersetzung verstand.
Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch, egal woher er kommt. Wir sind uns im Innersten nicht so verschieden, wie wir manchmal denken.

Bevor ich in die Lesung ging, dachte ich an den einzigen Tag, an dem ich einer Kriegszeugin zuhören durfte. Das war vor einigen Jahren in der Schule, als wir eine Überlebende der Nazizeit zu Besuch hatten. Das, was sie damals erzählte, war schrecklich, mir wurde schlecht von den Bildern, die sie mit ihrer Geschichte über die menschliche Grausamkeit in meinem Kopf zeichnete. Doch damals konnte ich mich zumindest einigermaßen mit der Tatsache trösten, dass dieser Krieg vorbei ist.
Die Kriege in Syrien und in der gesamten arabischen Region passieren, während ich das hier schreibe und auch jetzt, während du es liest. Es geschieht heute, und morgen, und nächste Woche auch noch. Und wer weiß, wie lange danach noch.
Das färbt diese Stunden mit einer so tiefen Trauer, mit dem schrecklichen Gefühl der Hilflosigkeit.

„Wenn Blut fließt, verliert der Verstand“, so Rosa Hassan. Sie hat Angst um ihr Land, fürchtet weitere Zersplitterung der Bevölkerung in kleine, sich bekämpfende Gruppen und ist besorgt über die Ignoranz des Westens.
Literatur werfe Fragen auf und gebe keine Antworten, sagt sie nach der Lesung. Aber sie bleibe in den Gedanken der Menschen hängen, ändere Einstellungen. Und das sei die Voraussetzung für die einzige Lösung des Berges an Problemen in Syrien: die Demokratie. Die politischen Veränderungen könnten nur vom Volke ausgehen.

Die Frage nach der Demokratie beschäftigt auch die Zuschauer. Jemand fragt, ob der muslimische Glauben überhaupt mit der Demokratie vereinbar sei. Rosa Hassan antwortet ruhig, dass Extremismus in keiner Form vereinbar ist mit Demokratie, der muslimische Glauben an sich aber durchaus. Die Frage war vielleicht etwas plump, aber es gibt bestimmt viele Menschen, die sie sich stellen, und es ist gut, wenn man sie konkret einer Muslimin stellt anstatt eines Populisten. Daher fand ich es schade, dass eine andere Teilnehmerin giftig kommentierte, dass die Frage im Rahmen der Lessingtage unangemessen sei. Wer nicht fragt, bleibt dumm und behält seine vielleicht undifferenzierten Einstellungen.

Josef Joffe zitiert ein altes arabisches Sprichwort: „Das Wort ist mächtiger als das Schwert“. Eine Sitznachbarin raunt sich selbst missmutig zu: „Es braucht nur länger.“

Diese Ansicht teilt sie mit der Autorin. Diese weiß, wie lange es dauert, wie schwierig es ist, echte Veränderung in das System zu bringen. Aber sie glaubt an ihr Volk.
Und schreibt fleißig weiter. Ihr neuestes Buch, das sie gerade fertig gestellt hat, soll dieses Jahr erscheinen. Es ist eine Mischung aus Wahrheit und Vorstellung, so Rosa Hassan, und erzählt von echten Menschen und deren Leben in den Jahren 2011 und 2012 in Syrien.

Ich nehme von dieser Lesung viel mit. Eine Buchempfehlung, ein mutiges weibliches Vorbild, eine andere Perspektive auf die Probleme in der arabischen Welt.

Und jetzt hab ich ´nen Ohrwurm:

The line it is drawn, / the curse it is cast
The slow one now / will later be the fast
As the present now / will later be past
The order is / rapidly fadin’
And the first one now / will later be last
For the times they are a-changin’

Hopefully they are!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Februar 2014 von in Allgemein.
%d Bloggern gefällt das: