Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

THE TABLE

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Jennifer und Moses sinnieren über Illusion und Wahrheit.

Von Jennifer Krüger

GUCK DIR THE TABLE IM THALIA AN!
WARUM? LIES DIESEN TEXT UND ERFAHRE MEHR!

Aber hör erst einmal auf zu schreien. Bitte.

Gaaaanz ruhig.

Atme ein,

Atme aus.

Pssssssst, sei mal ganz leise.

Jetzt flüsterst du.

Ja, das bist du selbst, in deinem Kopf.

Ich kann steuern, was gerade in dir passiert. Und das mit ein paar Strichen auf deinem Bildschirm, ich existiere nur in deiner Vorstellung. Faszinierend, oder?

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Ein Tisch, eine Puppe. Drei Schauspieler, die sie bewegen und für sie sprechen. Die perfekten Voraussetzungen für Theater im Kopf.

Foto: Nihal Demir

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Das Londoner „Blind Summit Theater“ ist zu Gast im Thalia Gaußstraße. Besetzung, in order of appearance:

Tisch – Großer weißer Tisch

Linker Arm, Kopf und Sprache – Mark Down
Rechter Arm, Po – Sean Garrat
Füße – Irena Stratieva

Puppe, Moses, Gott… – Puppe

Hergestellt wurde sie von Nick Barnes. Ein anspruchsvolles kleines Gebilde aus Karton und Stoff.

Direkt zu Anfang erklärt der witzige kleine Pappkarton, dass er nicht echt ist.
„Er“ erzählt selbstironisch (s)eine Geschichte und malt sie aus. Dabei verändern sich Tisch und Figur äußerlich kein bisschen. Das einzige, was sich verändert, ist meine Sicht auf das sympathische kluge Kerlchen.

Im Laufe des Abends nimmt es viele Rollen ein, ist mehrdimensional und modifizierbar. Es spielt Puppe, Moses, Gott; ist mal streng und grimmig wie ein schlecht gelaunter Chef, dann belustigt wie ein Papa von seinem heiteren Sohn und wiederum ängstlich wie ein Kind, das dem Arzt nicht vertraut. Diese Figur braucht Zuneigung. Sie stolpert und flucht.
Ich erkenne mich wieder. Und – schwupps – ist sie mir plötzlich emotional ganz nah. Zunächst merke ich gar nicht, dass und vor allem wie sie das angestellt hat. Habe fröhlich mitgelacht und dabei eins nicht gesehen: Ich wurde manipuliert. Und zwar so richtig.
Ganz bewusst wurde die Distanz und meine gesunde Skepsis gegenüber dem neuen, mir fremden Stück, abgebaut. Schritt für Schritt habe ich mich der Illusion hingegeben, und wurde dabei die ganze Zeit gesteuert.

Und das von einer Puppe.

Bevor ich mich fragen kann, wie das geschehen konnte, übernimmt diese die Kontrolle und erklärt es mir selbst. Sie gibt eine praktische Einführung in die Kunst der Illusion. Dazu reißt sie Witze, kommt mir in meinem lückenhaften Wissen über die jüdische Religion charmant entgegen und spricht mich direkt an. Sie kontrolliert mich und mir geht’s auch noch gut dabei. Weil sie als Eingang in mein Inneres meine Gefühle nutzt, und erst im zweiten Schritt meinen Verstand berührt.

Das macht Spaß! Die Puppe springt und tanzt, freut sich für alle sichtbar, fühlt mit ihrem ganzen Körper. So deutlich, wie es normale Menschen im Alltag wohl nicht machen.
Sie berührt meine kindliche Neugier, indem sie mutig fantasiert:
Wie fliegt es sich im Weltall?
Wie sieht Gott aus?
Wie fühlt es sich wohl an, auf einer sich drehenden Schallplatte zu stehen?
Was passiert eigentlich, wenn man auf so ´nem Laufband-Teil im Fitnessstudio stolpert?
Ihre Perspektive ist heiter und interessant, ich könnte ihr noch Stunden zugucken. Nach der Vorstellung wollte ich lieber mit der Puppe reden als mit den Schauspielern. Wie verrückt ist das denn?

Aber es bleibt eine Perspektive, eine bloße Idee. Sie ist nicht real.
Und die Fantasie ist mit Vorsicht zu genießen.
Es kann nämlich gefährlich werden, wenn man die ganze Illusion vor lauter spaßigen, herzerwärmenden Denkspielen nicht mehr als solche erkennt.
Wenn man auf dem imaginären Laufband rennt und sich, whooops!, langlegt, weil man die Vorstellung mit der Wahrheit verwechselt. Wenn man sich in seiner Fantasie verheddert, weil auf einmal alle Vorstellungen gleichzeitig im Kopf auftauchen und bei Berührung explodieren, da sie überhaupt nicht zusammenpassen.
Die Folgen sind erschreckend: Chaos und Unlogik. Panik, sich verloren fühlen.
Fantasie ist also notwendig, um zu überleben! Ohne diese könnte die Puppe die 40 Jahre auf dem Tisch nicht aushalten. Ohne diese könnte ich keine 90 Minuten in ´ner Vorlesung durchstehen.

Vorstellungskraft, Fantasie, Illusionen.
Davon lebt Theater. Es entführt in eine andere Welt.
Die Illusion bringt Kinder dazu, Räuber und Gendarm zu spielen oder im Wohnzimmer auf keinen Fall auf den Boden zu treten, um sich nicht an der Lava zu verbrennen.
Davon lebt Verknallt-Sein. Und Texte wie dieser.
Davon lebt auch jede Religion.

Sie sind mit Vorsicht zu genießen, aber zu genießen! Lass dich drauf ein, schau dir was an, denk selbst drüber nach und sag, was du meinst. Während der Vorstellung wird der Puppenspieler durch eine Zuschauerin ausgetauscht, die jetzt die Puppe lenkt: Jeder kann verzaubern und jeder kann verzaubert werden.

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So jetzt hab ich mir das Stück angesehen, das Ganze ein wenig durchdacht und etwas besser verstanden, einigermaßen in eine Form gebracht und scheinbar liest ihn gerade sogar jemand… Jetzt bist DU dran!
Was denkst du über diesen Text, über das Stück, über Moses auf´m Laufband im Weltall?
Na komm, erzähl’s mir! Denn was weiß ich schon? 😉

Foto: Nihal Demir

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Die Vorstellung wird am Sonntag, den 2.2. um 19 Uhr und am Montag, den 3.2. um 20 Uhr im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

Ein Kommentar zu “THE TABLE

  1. nguyleph
    3. Februar 2014

    Sehr ungewöhnlich Jennifer! Aber du hattest mich, ich musste weiter und weiterlesen 😉

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Februar 2014 von in Allgemein.
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