Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die lange Nacht der Weltreligionen

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Foto: Nihal Demir

Von Nihal Demir

Zum fünften Male fand gestern Abend im Thalia Theater die „Lange Nacht der Weltreligionen“ statt, ein Kommentar aus der Perspektive der Religionen auf das Motto der Lessingtage „Um alles in der Welt“.

Ging es im vergangenen Jahr um „Freiheit und Schicksal des Menschen“, rückte die „Lange Nacht 2014“ die mystischen Traditionen der verschiedenen Welt-Religionen in den Mittelpunkt und ließ die Besucher an der geistigen Sinn-Suche des Menschen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende teilhaben.

„Sehnsucht & Stachel der Mystik“ hieß das Thema, und entsprechend kreiste die Veranstaltung um Erfahrungen, Glauben und Weisheit, die die Grenzen des Rationalen und der bloß materialistischen Welt überschreiten.

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, so beendete der Philosoph Ludwig Wittgenstein seinen berühmten „Tractatus logico-philosophicus“. Doch, wo logisches Sprechen versagt, kann vielleicht die Kunst, können Theater, Lyrik und Musik weiterhelfen.

So wechselte die „Lange Nacht 2014“ von Gesprächsrunden, die aus religionswissenschaftlicher Perspektive aktuelle Diskussionen aufgriffen, zu Musik – und Theateraufführungen bzw. Rezitationen, die das geistige Gespräch in einem doppelten Sinne überbrückten, indem sie nicht nur die sich auftuenden Pausen füllten, sondern zugleich das bloß Gesagte um eine andere Dimension der Wahrnehmung ergänzten und sinnlich-geistig erfahrbar machten.

Schauspielerinnen und Schauspieler des Thalia-Ensembles boten dabei ein Prisma mystischer Texte aus den Traditionen des Alevitentum, Buddhismus, Christentum, Daoismus, Hinduismus, Islam und Judentum. Man hörte unter anderem Worte von Rumi, Ibn Arabi, Hildegard von Bingen, Martin Buber, Meister Eckhart, Sri Ramakrishna, Hakuin, Wittgenstein oder Celan.

Dazu spielten Musiker unterschiedlichster Kulturen: Ashraf Sharif Khan, Oddrun Lilja Jonsdottir, Janosch Pangritz sowie Sevgi Polat und Hasan Simsek.

So begaben sich Mitwirkende und das Publikum über insgesamt über dreieinhalb Stunden gemeinsam auf den Weg, die Vielfalt der Religionen und ihrer Denk- und Interpretationsansätze zu erkunden.

Der Mystiker ist ein Mensch auf der Suche nach unmittelbarer Gottesnähe. Mystik richtet sich in ihrer Ausdrucksform nach der jeweiligen Kultur, derer sie entstammt. Es existieren jedoch auch Gemeinsamkeiten über die Zeiten, Religionen und Kulturen hinweg.

Die Einswerdung („unio mystica“) mit der Schöpfung, mit dem Göttlichen, Transzendenten bereits in unserer diesseitigen Welt, das ist das Ziel, das den buddhistischen und hinduistischen wie den christlichen, jüdischen oder sufistischen Mystiker antreibt: Die Erleuchtung als (Glücks-) Erfahrung unmittelbare Gottesnähe: Die himmlische Liebe im irdischen Leben.

Ein „Stachel“ über die Zeiten hinweg ist die Frage, wie ein liebender und allmächtiger Gott, all das Leid geschehen lassen kann („Theodizee“) – man denke aktuell an Syrien. Erfährt der Mensch, so der unbequeme Antwortversuch im Buch Hiob, gerade im Leiden die Liebe Gottes und seine Nähe?

Der Mystiker wendet sich in der Regel asketisch von den trügerischen Genüssen des Diesseits ab. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Doch das Wissen um den Wert innerweltlicher Geistigkeit, kann auch zum Quell des Widerstands werden, etwa gegen eine zunehmend weltliche Orientierung im Religiösen, gegen eine gesellschaftliche Ordnung, in der Kirche und weltliche Macht es sich allzu bequem miteinander eingerichtet haben.

Foto: Nihal Demir

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Februar 2014 von in Allgemein.
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