Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Gottes kleiner Krieger

M.KORBEL2013©2524Foto: Maurice Korbel

Von Kadija Dastager

 „Gottes kleiner Krieger“, die Erzählung des zeitgenössischen indischen Autors Kiran Nagarkars über den Werdegang eines Jungen, wird vom Gastspiel Freiburg als Bollywood Musical inszeniert. Mich hat hauptsächlich die Frage beschäftigt, ob es möglich ist, das Thema Extremismus mit einem Musical, zudem auch noch einem Bollywood Musical, in Verbindung zu bringen.

 Die Geschichte über Zia Khan, ein kleiner Junge, der sich schon früh mit dem Islam beschäftigt und zunehmend extremistische Haltungen entwickelt, beginnt zunächst – wie hätte man es von einem Bollywood Musical anders erwartet – singend und tanzend in einer farbenfrohen und musikverliebten Kulisse vor den Toren Mumbais und bedient damit automatisch indische und bollywood’sche Klischees. Ausnahmslos alle Darsteller, vom Hauptdarsteller zu den Hintergrundtänzern bis hin zu den Musikern und Sängern tragen bunte indische Kleidung, mal sieht man knallige, glitzernde Saris, mal trägt der Hauptdarsteller einen einfachen Dhoti, ein langes Hemd, das über einer Hose getragen wird.

Das Bühnenbild stellt einen indischen Garten mit tiefhängenden schattenspendenden Bäumen dar. Der Garten ist zunächst der Dreh- und Angelpunkt der Familie Khan, bestehend aus Vater Abujan, Mutter Amijan, Tante Khalla Zubaida (müsste man Deutschen nicht erklären, dass „Khalla“ Tante heißt?) und den zwei Söhnen Zia und Amanat. Dieser Garten ist Sinnbild für die anfangs noch heile Welt des jungen Zias, schließlich bietet er genug Platz für religiöse Feierlichkeiten, zum verweilen und zum Spielen für die zwei Brüder Zia und Amanat, die ungleicher nicht seien können. Amanat versucht sich vergeblich an der Schriftstellerei, während sein Bruder an der Eliteuni Cambridge Mathematik studiert und verschiedenen Religionen annimmt, die er mit Fanatismus auslebt.

Die Ungleichheit der Brüder, die im Buch von Nagarkar eine wichtige Rolle spielt, kristallisiert sich im Stück nicht so klar heraus. Das Leben des kränkelnden und von Selbstzweifeln zerfressenen Amanat spielt zum Vergleich des charismatischen Genies Zia eine verschwindend kleine Rolle. Amanat wird im Stück der Freiburger auf eine Randfigur reduziert, der gelegentlich aus seinen Briefen vom entferntesten Teil der Bühne heraus an Zia von Neuigkeiten der Familie berichtet. Auch die Kritik am Islam fiel wesentlich deutlicher aus als die Kritik am Christentum, die bei Nagarkar eine ebenso große Rolle einnimmt. Auch hätte ich mir eine größere Reibung in der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus gewünscht.

Leider war die Inszenierung, in der man versucht hat, dass schwierige Thema Fanatismus mit indischer Musik und Tanz zu untermalen ein bisschen „Bollywood Light“. War es ironisch gemeint, wenn die Tänzer extrem ungelenk getanzt haben? Ganz besonders im Vergleich zu dem überragenden Subash Gorania, der traditionelle indische Tänze, modernes Ballett und Capoeira fließend miteinander verbunden hat. Deutlich hervorzuheben vom Schauspiel und der nicht enden wollenden Handlung sind außerdem die fantastischen Musikern und Sänger, die versucht haben mit ihrem wunderbaren Gesang und Musik dem Extremismus dem Schrecken abzujagen.

Wollten die Regisseure mit den ironischen Brüchen ihre eigene Fremdheit gegenüber dem Bollywood-Film und der indischen Kultur ausdrücken? Schließlich hatte ich oft das Gefühl, das Genre wurde nicht völlig ernst genommen. Nichtsdestotrotz finde ich es sehr gut, dass man asiatische Erzählstoffe an deutschen Theatern sieht.

Wenn man Lust auf mehr hat: Der Song „Kajre Re“, der in der Inszenierung gekürzt gesungen wird, hier in voller Länge:

2 Kommentare zu “Gottes kleiner Krieger

  1. nguyleph
    2. Februar 2014

    Hey, ich find den Artikel sehr gut. Ich empfand es so ähnlich wie du, und v.a. die Darstellung derBeziehung zw. den beiden Brüdern fand ich doch sehr lasch… Anfangs dachte man, dass Amanat eine zentrale Rolle einnehmen würde, aber Zia war durch und durch der (Anti-)held des Ganzen. Und bei einige Szenen dachte ich, dass sie nur reingenommen werden, damit sie überhaupt vorkommen, ohne viel Erläuterung.. So richtig verstand ich auch den Abschied der Mutter nicht… was ist da passiert?! Ach und danke für das Video zu dem Song “Kajre Re”…. Wie ist denn das eigentlich mit Urheberrechten und so…?

  2. juttaschu
    3. Februar 2014

    Hallo,
    ich fand diese Kritik auch sehr hilfreich, genauso hilfreich wäre es allerdings gewesen, das Buch vorher zu kennen (ich kannte es), da doch einige wichtige Zusammenhänge nicht dargestellt wurden. Aber auch im Buch wurde Zia mehr Raum gegeben als seinem Bruder. Ich fand aber in der Inszenierung Amanat sehr gut dargestellt mit all seinen Zweifeln und im Schatten seines charismatischen Bruders. Auch die verschiedenen Stationen zum Extremismus waren sehr stimmig. Die idee, die Geschicht als Bollywood-Musical zu verfremden war für mich genial. Sehr kurzweilige 3 1/2 Stunden, ernstes Thema im Bollywood-Format.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2014 von in Allgemein.
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