Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Gottes kleiner Krieger

M.KORBEL2013©7411Offene Hände für andere Möglichkeiten. Foto: Maurice Korbel

Von Dan Lin

Der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar hat in “Gottes kleiner Krieger” eine schillernde, nach allen Seiten ausgreifende und die Kontinente umspannende Porträtstudie eines extremen Charakters entwickelt. Der Roman erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder, von denen einer sich zum Extremisten in unterschiedlichen Religionen entwickelt. Die Regisseure Jarg Pataki und Viola Hasselberg haben den 700-seitigen Roman in ein vierstündiges Bollywood-Musical verwandelt. Es ist wie ein Wunderpaket, ein Cocktail von Fundamentalismus, Bollywood und Religion. Ich bin ziemlich neugierig auf dieses Stück gewesen, weil ich in einer Umgebung ohne Muslime oder Hindus aufgewachsen bin.

Zu Beginn des Stückes erregt der kleine süße Zia Kahn Mitleid, da er die ganze Zeit von sämtlichen Personen andere Ideale eingetrichtert bekommt, doch je länger man seiner Lebensgeschichte folgt, desto unsympathischer erscheint er. Selbstgerecht und verbissen, hält er sich für auserwählt, das Haus des Islam, also die Gesamtheit der islamischen Welt, zu vereinen und zu Glück und Ruhm zu führen. Er scheint die Spur von Leichen zu ignorieren, die er dabei hinter sich zurücklässt. Im Laufe seines Lebens wechselt er vom Islam über das Christentum zum Hindusismus und geht seiner jeweiligen Religion mit fanatischem Eifer nach.

Zia, dessen Name „Licht“ bedeutet, ist Faust und Mephistopheles in einer Person, ein Agent der Verwandlung und des steten Wechsels. Ähnlich wie bei Faust letztlich nur das Streben bleibt, bleibt bei Zia nur die totalitäre Unterwerfung unter das jeweils gewählte Glaubensprinzip, wobei dieses Prinzip merkwürdigerweise wechseln kann. Aber was unverändert bleibt: Immer läuft es auf die Auslöschung des Anderen im Namen der eigenen Lehre hinaus.

Der Stoff und die Inszenierung betreiben Ursachenforschung. Das Thema Terrorismus wird zunächst ganz oberflächlich angesprochen. Aber Nagarkar geht in die Tiefe, er will wissen, wer die Menschen sind, die für ihre Überzeugungen Unbeteiligte töten, die den Westen verteufeln und sich gleichwohl dessen modernster technischer Errungenschaften bedienen, um die archaischsten Werte und Standpunkte zu vertreten. Mit Zias Persönlichkeit will Nagarkar zeigen, daß jede Religion fundamentalistisches Potential birgt.

Das Hauptcharakter wird durch einen Schauspieler, ein Kind und einen Tänzer verkörpert. Man erkennt ihn am grünen Kostüm. Wenn Zia seine Religion mehrmals wechselt, sein Furor bleibt derselbe. Aakash Odedra, der Tänzer und Choreograph der Inszenierung, zeigt im Tanz Zias Innenleben und Gefühle und tanzt dabei wie in einer anderen Welt. Er demonstriert perfekte Körperberrschung und sein Tanz strahlt pure Energie aus, eine leitende Kraft, die er von seinem Guru gelernt hat. Sobald er die Bühne betritt, bildet er einen Mittelpunkt. Mit seinen fließenden Bewegungen verdeutlicht er Zias Leidenschaft und Sehnsucht und ist damit das Highlight des Abends.

Die Musiker begleiten das Geschehen live durch orientalische Musik und gelegentlich spannungsaufbauende Geräusche und lassen den Abend so stark aufleben. Das Auge wird von dem Bewegungschor über die immerhin vier Stunden lange Aufführung ebenso gut unterhalten wie das Ohr von Sehers und Srinivasans eingängigen Kompositionen, die von der sechsköpfigen Band (Tabla, Cello, Gitarre, Keyboard, Flöten und Gesang) und der Opernsängerin Lini Gong vorgetragen werden. Trotzdem war das Zuschauen über die vielen Stunden manchmal auch anstrengend für mich.

Am Ende sieht man zwei große, goldene geöffnete Hände auf einer Lotusblume. Hände sind zum Geben und Nehmen da, und ich denke schon, dass Zia etwas geben wollte, aber er hat nicht gefragt, ob die Menschen das überhaupt haben wollen. Die Öffnung der Hände zeigt Raum für Offenheit und Toleranz für andere gewaltlose Möglichkeiten, um balanciert zwischen dem Moment und der Ewigkeit zu leben. Der Toleranzgedanke hat mich an die Eröffnungsrede von Auma Obama erinnert.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2014 von in Allgemein.
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