Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Julia

Bildbearbeitet

Foto: Marcelo Lipiani

Von Visnja Sretenovic

Strindbergs „Fräulein Julie“ ist eine meiner Lieblingsrollen, wegen ihrer Komplexität, gegen die sie manchmal auch ankämpft. Deswegen ist sie eine große Herausforderung, aber auch „Traumrolle“ für jede Schauspielerin. Die Widersprüche, die in ihren Gedanken und Gefühlen von Szene und Szene vorkommen, sind stark verbunden mit Strindbergs kompliziertem Verhältnis zu den Frauen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Frauen als Geschlecht unterschätzt waren, schrieb Henrik Ibsen „Ein Puppenheim“ (1879). Seine Protagonistin Nora war der Präzedenzfall einer unterdrückten Frau in dieser Zeit, aber auch die Inkarnation von allem, was Strindberg nicht glaubt – dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und dass ihre Position in der Ehe genau so wichtig ist. Als Frauenfeind glaubte er nicht an den Feminismus. Einmal hat er über eine russische Mathematikerin gesagt: „Ein weiblicher Mathematikprofessor ist eine gefährliche und unerfreuliche Erscheinung, man kann ruhig sagen, eine Ungeheuerlichkeit. Ihre Einladung in ein Land, in dem es so viele ihr weit überlegene männliche Mathematiker gibt, kann man nur mit der Galanterie der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber erklären.“

In Christiane Jatahys Interpretation „Julia“, das in das Brasilien der heutigen Zeit versetzt worden ist, wird nicht die Frau, sondern der Mann unterdrückt: Julia, eine verwöhnte und vernachlässigte Tochter aus reichem Haus, spielt mit dem farbigen Hausangestellten, der noch nicht mal einen Namen hat, und behandelt ihn wie einen Untertan. Anders als bei Strindberg sind die Verhältnisse auch nicht mehr so, dass Julia sterben muss, weil sie kein Fräulein mehr ist – in den drastischen Sexszenen wird aber deutlich, dass sich die Machtverhältnisse dort umkehren. Aber man hat das Gefühl, die Affäre könnte ein gutes Ende nehmen, wenn er nur „Ich liebe dich“ sagen würde, worum Julia ihn explizit bittet, auch wenn sie es nicht lassen kann, ihn immer wieder zu demütigen. Die Liebesgeschichte (ist es eine?) zwischen Julia und dem Hausangestellten wirkt extrem, bis ins Pathetische hinein dargestellt. Leider geht über dem Pathos die Komplexität der Julia verloren, das fand ich bei meiner Liebe für die Figur schade.

Die Vorstellung wird am Freitag, dem 31.1. noch einmal im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Januar 2014 von in Allgemein.
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